Wir sind viele. 34.000 Kilometer Kulturstrecke werden am 30.6. bei der Extraschicht abgefahren. Mehr als 20 Städte tragen zum Riesenangebot der Kulturnacht bei, die mit 53 Austragungsorten einen neuen Rekord aufgestellt hat. Die Superlative sind in diesem Jahr das vermeintliche Markenzeichen der Extraschicht. Mit Blick auf die wackeligen Haushaltslagen vieler Städte könnte man vom trotzigen Aufbäumen einer Region sprechen, deren kulturelle Vielfalt durch eben die Haushaltslage gerade arg gefährdet wird. Aber bevor man sich wieder den Mund fusselig darüber zu reden droht, ob die Stadt X die Oper Y wirklich braucht, kann man am Samstagabend mit seiner wohl antrainierten EM-Feierlaune am riesigen Programm entlangschreiten. trailer schlägt kurzerhand einige praktische Lösungen vor.
Am frühen Abend den Rest der Sonne nutzen. Als passendes Ambiente empfiehlt sich der MÜGA-Park in Mülheim, der in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag feiert. Zu der relaxten Atmosphäre streuen die Studierenden der Folkwang-Uni Jazz- und Musical-Standards sowie Pop-Songs in neuen Arrangements bei. Ist man dann erst mal in Swing-Laune gekommen, kann man sich noch von Scarlett Andrews Marilyn Monroe-Darbietung überzeugen. Von Hollywood geht es zum Schiffshebewerk in Waltrop. Das wurde noch kaiserlich von Wilhelm II. eingeweiht, bevor dieser sich jenseits von Rhein und Ruhr ins Exil begab. Bei den kulturellen Kanalfahrten muss aber niemand um seinen Verbleib im hiesigen Land bangen, in musikalischer Begleitung und umgeben von Lichtinstallationen wird die Bootsfahrt zum entschleunigenden Erlebnis während des aktiven Event-Pendelns. Nicht nur das Waltroper Schiffshebewerk ist bei der Extraschicht seit Jahren ein Dauergastgeber, auch die zahlreichen Veranstaltungen von lokalen und regionalen Nachwuchskünstlern gehören fest zum Programm. In der Zeche Carl ist die Bochumer Kunst-Agentur feel vergnuegen zu Gast. Die Macher des Bochumer n.a.t.u.r.-Festivals stellen ihre Grenzgänge zwischen ästhetischen Ausnahmeobjekten und urbaner Alltäglichkeit vor. Der Essener Street Art-Künstler Qumi tränkt hohe Gebäudemauern in seine quietschbunten Motive. Diese können mal ein klassisches Graffiti oder eine schräge Figur sein, die Comic-Strips über starke Rauschzustände entstammen könnte.
Zum Schluss wird es traditionell. Der letzte Punkt der Abendtour wäre die Bochumer Jahrhunderthalle. An dem zentralen Spielort ist in diesem Jahr das Angebot besonders weit gefasst. Zum einen werden auch hier Freunde der Street Art bei den Urbanatix-Vorstellungen fündig, zum anderen kann man auch seelenruhig und reisestrapaziert im Stuhl einsinken und den jungen PianistInnen der Musikschule NRW lauschen. Deren Tasten-Marathon bis Mitternacht präsentiert diesmal die Werke der beiden französischen Komponisten Maurice Ravel und Claude Debussy.
So schön kann der Juni enden. Ein letztes, gemeinsames Aufbäumen, bevor der existenzbedrohende Kultur-Alltag wieder eintritt. Denn bis zum 30. September, wenn die Einreichungsfrist für die Anträge für den Stärkungspakt endet, wird noch die eine oder andere Einsparung bekanntgegeben werden.
„Extraschicht. Nacht der Industriekultur“ I 30.6. I diverse Orte I www.extraschicht.de
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