Manchmal sind es die Projekte in den kleineren Räumen unserer Ruhrgebiets-Theater, die besonders interessant werden können: Nicht verpassen sollte der Theaterfreak „ESKALATION ordinär“, den bereits laufenden Schwitzkastenschwank in sieben Affekten von Werner Schwab im Studio des Dortmunder Theaters. So oft kann man Stücke von dem in der Region nämlich nicht erleben. An gleicher Stelle wird im Märzen im kleinen Kreis auch der große Goethe verhandelt. Dieser war ein gar fröhlich Freigeist des Sturm und Drang, dessen überaus populärer früher Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ nicht nur seinen Ruhm begründete, sondern auch eine (zugegeben nicht ganz belegbare) Selbstmordwelle ausgelöst haben soll. Interessant ist aber seine Antwort auf einen diesbezüglichen Vorwurf eines Bischofs. Zitat: „Und nun wollt Ihr einen Schriftsteller zur Rechenschaft ziehen und ein Werk verdammen, das, durch einige beschränkte Geister falsch aufgefasst, die Welt höchstens von einem Dutzend Dummköpfen und Taugenichtsen befreit hat, die gar nichts Besseres tun konnten, als den schwachen Rest ihres bisschen Lichtes vollends auszublasen.“ Tolle Argumentation, die im März in der Dortmunder Studiobühne mal wieder überprüft werden kann, wenn Lotte auf Werther, Werther auf den Adel und Lottes Gatten Albert trifft. Diese Dreiecksgeschichte mit blutigem Ausgang hat bis heute nichts von ihrer faszinierenden Kraft und Aktualität verloren, der „Werther“ ist ein genau gezeichnetes Psychogramm eines jungen Menschen zwischen egomanischem Überschwang der Gefühle und Wut auf die Regeln, die eine Gemeinschaft ihm vorlebt. Nicht umsonst ist der Begriff „Wutbürger“ 2010 zum Wort des Jahres gewählt worden, gleichzeitig aber auch zum Unwort erklärt worden.
Eine ganz andere Wut dagegen in Oberhausen. Im kleinen Malersaal des Theaters geht es um Borderline, das sich auch in plötzlich aufkeimender rasender Wut auf sich selbst und auf andere äußert. Beim Projekt „Jackie B. – Ein Leben in Extremen“ werden die Mitspieler diese Erkrankung thematisieren und dabei auch Teile ihrer eigenen Geschichte einbringen. Jackie B. ist dabei ein Spiegel der Welt, in der sie lebt. Extreme Stimmungsschwankungen, Angst vor Verlassenwerden oder innere Leere gehören zu ihrem Alltag. Sie ist der psychische Zustand einer unsicher gewordenen Gesellschaft, in der das soziale Netz zerrissen ist. Was Ende des letzten Jahrhunderts als Gewinn an Freiheit für das Individuum erschien, wird bei fortschreitender Globalisierung und Kapitalisierung als Zerrüttung des sozialen Zusammenhalts wahrnehmbar. Bis in die 1960er Jahre vom medizinischen Personal hilflos als Sammeldiagnose für besonders schwierige Patienten genutzt, die weder Neurose noch Psychose zu haben schienen, ist das Störungsbild Borderline inzwischen sehr viel besser untersucht und somit klarer diagnostizierbar. Und Jackie B.? Um die Extreme auszuhalten, verletzt sie sich selbst und greift zu Suchtmitteln. Enge Beziehungen sind für sie kaum auszuhalten. Aber der Abend wird auch eine Auseinandersetzung mit den Grundwerten des Lebens selbst.
„Die Leiden des jungen Werther“ I 22.3., 20 Uhr I Theater DO, Studio I 0231 502 72 22
„Jackie B. – Ein Leben in Extremen“ I 2.3. I Theater OB, Malersaal I 0208 857 81 84
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