Sein Wechsel von Essen nach Bochum wurde argwöhnisch beobachtet. Doch bereits mit seinem ersten Premierenreigen hatte Anselm Weber das Bochumer Publikum auf seiner Seite. Ungewöhnliches Theater, Breakdance in den Kammerspielen und mit Christoph Nußbaumeders „Eisenstein“ eine erste Intendantenregie, an der es nichts zu meckern gab. Dennoch. Die Arbeit in Bochum ist ungleich schwerer als in Essen. Hier müssen 1.400 Plätze gefüllt werden, und der Kostendruck ist enorm. Auch Bochum steckt in der Haushaltssicherung. Dazu kommt der hohe Erwartungsdruck an einer immer noch bundesweit renommierten Bühne.
trailer: Herr Weber, Sie sind mit Ihrem Team gerade mal 25 Kilometer nach Osten gewandert. Fühlt man sich hier nach Premieren anders?
Anselm Weber: Ja, man fühlt sich anders. Ich bin sonst kein Mann der Zahlen, aber wir hatten nach fünf Premieren über 40 Minuten Applaus und daran musste ich mich erst mal gewöhnen. Ich habe davon gehört, dass das hier so sein kann, auch in Essen hatten wir wunderbare Premieren und Erfolge, aber diese Form von Zuspruch – das war ungewohnt.
Das erste Premierenspektakel hat dem Schauspielhaus gut getan, und der internationale Spielplan macht den Mund wässrig. Wie wichtig ist ein stabiler Etat, auch ohne Soli für den Aufbau Ost?
Ohne? (lacht) Ich meine, die Zahlen sind das Entscheidende. Wir brauchen eine klar definierte Grundlage für die Finanzierung, wir wissen alle, dass wir das brauchen. Wir sind mit der Stadt Bochum auf dem Weg, eine Vereinbarung zu finden, die uns planen lässt. Was die strukturelle Unterfinanzierung betrifft, wissen wir alle, dass das Schauspielhaus Bochum mit seinen 1.400 Plätzen im Vergleich zu großen Häusern in NRW und darüberhinaus im Nachteil liegt. Das müssen wir im Moment durch Phantasie und Einsatz kompensieren.
Deshalb heißt das „Theater Unten“ endlich wieder „Theater Unten“?
Diese Rückbenennung ist eine Referenz an die Größen dieses Hauses. Wie Tana Schanzara und Peter Zadek. Das bleiben die großen Leute hier am Haus. Wir fühlen uns da in einer Tradition, und das ist selbstverständlich, dass man so was macht.
Welche Utopisten sollen über unsere Zukunft entscheiden?
Die Künstler, die wir holen, und die sollen versuchen, Wege aufzeigen, über die wir dann diskutieren können. Die Leute, die ja immer meinen, uns das zeigen zu können, haben in den letzten Jahren extrem versagt.
Und welche wären das?
Da könnte ich jetzt bei den Ökonomen anfangen, da könnte ich teilweise bei den Politikern anfangen. Aber es ist natürlich in erster Linie die Ökonomie, die versucht hat, uns Wege aufzuzeigen, und deutlich gezeigt hat, dass sie es nicht kann. Es sind ja immer die Werte, gegen die wir anrennen. Ein Theater, ein Stadttheater insbesondere, das sich ja über die Polis über die Gemeinschaft definiert, kann sich nicht aus einer Gesellschaft generieren, wo immer nur die Starken gewinnen. Immer nur die, die das Geld haben, siegen, oder die, die Rücksichtslosigkeit propagieren. Wir sind ein Theater für alle, wir sind eine Gemeinschaft, und das muss ein Theater wie das Bochumer auch spiegeln.
Also wird das Schauspielhaus neben den Aufführungen wieder politischer?
Ich würde sagen: Ja. Auch weil ich mir ein Theater ohne Bezug auf den gesellschaftlichen Diskurs gar nicht vorstellen kann. Natürlich sind die Spiegelungen, die wir vornehmen, immer auch gesellschaftlich überprüft, wenn wir beispielsweise Fadhel Jaibi aus Tunesien einladen, der den „Medea“-Stoff aus seiner Sichtweise heraus erzählen soll, dann ist das ein politischer Stoff. Dasselbe gilt für den Blick von jemandem wie Mahir Günsiray aus Istanbul auf Goethes „Faust“. Inwieweit das dann irgendetwas verändert, ist eine andere Diskussion, aber das ist dann immer die Diskussion, die folgt. Wir versuchen hier erst einmal, Menschen einzuladen, die mit ihrem jeweils eigenen Kosmos unser Kulturgut spiegeln, in dieses Kulturgut einzutauchen und dann etwas Neues daraus entstehen zu lassen.
Das Schauspielhaus Bochum wird jetzt zum ersten Mal ein Vierspartenhaus?
(lacht) Ja, das ist richtig, obwohl: Wir haben drei Sparten, also wir haben das Schauspiel, wir haben das Tanztheater eingeladen, und wir haben das Kinder- und Jugendtheater ...
Und die Oper.
Und die Oper, genau. Eigentlich das Musiktheater. „Candide“ von Paul Koek ist eher Musiktheater als eine Oper. Aber ob wir nun drei oder vier Sparten haben, ich denke, der Theaterbegriff am Schauspielhaus Bochum ist ein sehr weit zu fassender. Ich finde nicht, dass wir uns heute nur hinstellen können und sagen: Das ist Theater. Wir müssen uns überlegen: Was wollen die Leute sehen, wie wollen wir versuchen, die verschiedensten Communities einzuladen, in das Theater zu kommen. Da gehören genauso Menschen hinzu, die sich für Tanz, momentan für Breakdance begeistern oder die sich für die Vorgänge wie in „Candide“ interessieren oder für klassisch linear erzählte Geschichten wie „Eisenstein“ oder eben einen Shakespeare. Das ist alles wie ein Blumenstrauß, ein großer, breitgefächerter Herbstblumenstrauß, in dem die verschiedensten Blumen zum Blühen kommen, und ich hoffe, dass für jeden was dabei ist. Und ich glaube, dass das mit „Labdakiden“ in Regie von Roger Vontobel und „Medea“, die für uns noch Teil der Eröffnung sind, noch mal in besonderer Form gespiegelt wird, und es wird diesen politischen Faktor noch mal ganz stark betonen.
Dazu noch die Zusammenarbeit mit dem Musiktheater in Gelsenkirchen. Das ist eher überraschend.
Erstens, das hat es historisch bereits gegeben, ist also keine Erfindung von uns. Zweitens hat das auch ein bisschen damit zu tun, dass wir schon während unserer Zeit in Essen mit Gelsenkirchen zusammengearbeitet und Projekte gemacht haben. In Bochum wird das zusätzlich noch vorgegeben durch die Bochum-Gelsenkirchener Straßenbahngesellschaft, BOGESTRA heißt das hier, und mal sehen, was sich daraus entwickelt. Ich finde es im Moment eine sehr fruchtbare Geschichte, und es wird von allen im Grunde genommen sehr positiv bewertet.

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