Die Zeit läuft linear. Oder nicht? Manchmal scheint sie längst abgelaufen, manchmal rennt sie schneller, als einem lieb ist. Wie schön wäre ein Blick in die Zukunft, wie schön wäre auch eine Zeitmaschine. Zwei britische Stücke im April beschäftigen sich mit derartigen Gedankenspielen, einmal als Komödie von Alan Ayckbourn, einmal als Dystopie von zukünftigen „Menschen ohne Funktion“ von Tamsin Oglesby.
In „Doppeltüren“ des von der Queen geadelten Autors Ayckbourn begibt sich Regisseur Ali Abdullah in Oberhausen in die ziemlich verwirrende Welt einer Suite in einem Londoner Luxushotel. Die Doppeltüren dort stehen nämlich auch in der Zukunft des Jahres 2025, in dem die Handlung beginnt. Auch da sind sie noch äußerst unheimlich, denn sie entpuppen sich als ein Zeit-Tunnel. Die Geschichte ist verwirrend, aber fröhlich. Geschäftsmann Reece trifft dort kurz vor seinem Tod die attraktive Prostituierte Phoebe. Er will ihre Unterschrift unter sein Geständnis, seine beiden Ehefrauen vor langen Jahren in diesem Hotelzimmer ermordet zu haben. Doch Phoebe flieht durch die Zeit, und anschließend hasten nun drei Frauen quer durch Vergangenheit und Zukunft, um das Schicksal zu besiegen. Ayckbourne spielt hier auch mit Zitaten aus Thrillern und Science Fiction-Filmen und der Frage, was wäre, wenn man in die eigene Vergangenheit eingreifen könnte. Es kommt, wie es kommen muss, am Ende ist nichts mehr so, wie es einmal gewesen ist. Oder ist es gar nicht so gewesen, wie es eigentlich hätte werden sollen?
So wie die Welt im Stück „Richtig alt, so 45“ der britischen Autorin Tamsin Oglesby funktioniert, sollte es aber eigentlich nicht werden. Wir sind in London irgendwann in der Zukunft. Drei Wissenschaftler suchen dort in einem Forschungslabor der Regierung nach Lösungen für die beiden dringlichsten Probleme der Zeit: die immer älter werdenden Menschen und die vernachlässigte Jugend. Die Forscher haben einen perfiden Weg gefunden, diese zwei demografischen Zeitbomben zu entschärfen. Eine Daseinsberechtigung der Alten gibt es nur noch unter Vorbehalt eines ausgeklügelten Punktesystems. Nur wenn diese einen vernachlässigten Jugendlichen als Adoptivenkel bei sich aufnehmen oder alternativ an medizinischen Tests in der neuen Klinik „Die Arche” teilnehmen, werden sie weiterhin geduldet. Für unwillige Alte gibt es eine ultimative Dienstleistung: die Drogen-Pille Ryanol für den sanften Tod. So sieht die Welt aus, in der die betagten Geschwister Lynn, Alice und Robbie sich behaupten müssen – immer im Kampf um die erforderlichen Punkte fürs Weiterleben.
Mit tiefschwarzem Humor betrachtet „Richtig alt, so 45” eine fiktive, ungeduldige Leistungsgesellschaft, in der das Alter als Ordnungswidrigkeit begriffen wird. Das Stück entwirft eine zugespitzte Dystopie von Menschen ohne Gewinnspanne in einer Gesellschaft, die nichts mehr zu verschenken hat. Das lässt irgendwie auch an Soylent Green in „2022 … die überleben wollen“ (USA 1973) mit Charlton Heston denken.
„Richtig alt, so 45“ I Premiere: 15. April I Schauspiel Essen I 0201 812 22 00
„Doppeltüren“ I Premiere: 27. April I Theater Oberhausen I 0208 857 81 84
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