Befreundet waren sie auch. Emil Schumacher (1912-99) und Norbert Kricke (1922-84), denen im Museumsquartier Hagen derzeit eine gemeinsame Ausstellung ausgerichtet wird, zählen zu den Hauptvertretern des Informell in Deutschland: jener Kunstströmung der Avantgarde seit den 1950er Jahren, die sich für die Abstraktion entschied und damit an die internationale Kunstszene anschloss. Begonnen aber haben Beide als realistische, vom Expressionismus beeindruckte Künstler. Schumacher, der Maler aus Hagen, hielt zunächst Interieurs seiner Umgebung fest; Kricke, der Bildhauer aus Düsseldorf, beschäftigte sich mit der menschlichen Figur. Die Hagener Ausstellung setzt in diesen frühen Jahren ein und reicht bis zu den späten, bei beiden Künstlern zunehmend von Verknappung bestimmten Werken. Indem sie die Bilder und Skulpturen dialogisch in Kapiteln aufeinander bezieht, veranschaulicht sie Erstaunliches: Schumacher denkt als Maler ebenso räumlich. Er trägt die Farbe massiv, pastos auf die Leinwand auf, daraus sind auch Materialbilder hervorgegangen. Aber es reicht schon der für ihn typische breite Pinselstrich, den er kraftvoll als Bogen – der einen Berg oder den Rücken eines Weidetieres darstellen kann – in den leuchtenden Farbgrund gesetzt hat, um den Bildraum zu aktivieren.
Und für Kricke ist vor allem zu Beginn seiner informellen Zeit die Fläche wichtig. Kricke hat Stäbe aus Metall sozusagen verschmolzen, als Flächen gekrümmt und gegenläufig zueinander gesetzt. Bisweilen öffnen sich die Stäbe, werden lichtdurchlässig und lassen an pflanzliches Wachstum denken: ein übliches Thema in der Bildhauerei der informellen Kunst. Später verwendet er einzelne Stäbe, mit denen er kantig ein Volumen umschreibt. Oder die nervös gekrümmten Drähte tasten sich in den Raum hinein, dazu entstehen auch Skulpturen aus meterlangen Stahlrohren. So wenig „Materie“ Krickes Skulpturen benötigen, so plastisch sind sie doch empfunden: Sie realisieren ein „Zeichnen“ im Raum. Ausgestellt sind in Hagen auch Krickes farbige Kreidezeichnungen, die noch zeigen, wie wichtig Farbe auch für ihn als Metall-Bildhauer ist. Tatsächlich hat Kricke etliche der kantig-konstruktiven Kleinplastiken in den Primärfarben gestrichen. - Dies wieder lenkt den Blick auf die Farbigkeit bei Emil Schumacher. Außer erdigen Tönen verwendet Schumacher ein leuchtendes Rot oder Blau, in das er die tiefschwarze krude geschwungene Linie geradezu eingräbt. Neben Aspekten der Transzendenz kommt Energie zum Ausdruck, bei beiden Künstlern. Deutlich wird auch, wie vielgestaltig und mehrdeutig die Linie sein kann: als Bogen oder Bündel, als Stab, der in den Raum vordringt oder die Fläche trennt, andererseits wieder zwei Punkte verbindet. Bei Schumacher ebenso wie bei Kricke äußert sich die Linie als handschriftlicher Gestus, mit ihr findet Beschleunigung statt, die abrupt enden kann.
Beide Künstler wurden schon zu Lebzeiten hoch geehrt. Schumacher, der Professor in Hamburg und Karlsruhe war und unter anderem mit dem Rubens-Preis der Stadt Siegen ausgezeichnet wurde, hat auf Augenhöhe mit solchen Meistern wie Tapiès und Vedova international ausgestellt. Wie auch Norbert Kricke nahm er an der Documenta teil und vertrat Deutschland auf der Biennale Venedig. Kricke, der an der Kunstakademie Düsseldorf unterrichtet hat und dort auch Rektor war, ist der vielleicht konsequenteste unter den deutschen Bildhauern, die den informellen Stil der Malerei auf die Plastik übertrugen und anschließend noch auf die Geometrie der Hard Edge-Kunst reagierten. Also, in Hagen werden im Museum von Emil Schumacher zwei herausragende Künstler vorgestellt, deren Werke frisch wie am ersten Tag wirken und sich gegenseitig weiter erklären.
„Norbert Kricke und Emil Schumacher – Positionen in Plastik und Malerei nach 1945“ | bis 14. April im Emil Schumacher Museum in Hagen | www.esmh.de
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