Ein gelbes Band sperrt den Tatort ab. Menschen hasten vorüber und sichern Indizien, Fotos werden gemacht, auf dem Boden die Umrisszeichnungen zweier Kinderkörper. Es herrscht das Schweigen beruflicher Professionalität. Eine Frau hat ihre beiden Kinder und die Geliebte ihres Mannes umgebracht. Die Täterin Medea, ihre Anwältin, ein Gerichtspsychologe, Journalisten sowie ihr Ex-Mann Jason sind vor Ort. Ein Alltagsdrama, ein mythisches Drama.
Die „Medea“-Inszenierung von Fadhel Jaedi beginnt mit einer verblüffenden Umkehrung. Wo der Mythos sich Urbilder unbegreiflicher Geschehen im kulturellen Gedächtnis aufruft, geht es in den Bochumer Kammerspielen um eine Rückführung ins Konkrete. Jaibi und seine Koautorin Jalila Baccar überschreiben Euripides’ „Medea“-Text mit deutlichen Verweisen auf das Hier und Jetzt und liefern die Vorgeschichte zum Kindsmord. Und wie es sich für einen Kriminalfall gehört, führt der libanesische Regisseur einen Richter bzw. Kommissar ein, der den Fall rekonstruiert und ihm so einen Rest an Unerklärbarkeit bewahrt.
„Medea“ wird zur Recherche, die im Wechsel aktuelle Tat-Befragung und Rückblenden ins Vergangene verschneidet. Der Ausgangspunkt des Dramas ist Anatolien, wo Medeas reiche Familie eine bedeutsame Handschrift aufbewahrt, die der Kunsträuber Jason stehlen will. Die draufgängerisch-neugierige Medea der Nadja Robiné verliebt sich in den zwielichtigen Windhund (Stephan Ulrich), hilft beim Raub sowie der Zerstückelung des eigenen Bruders und flieht mit dem Dieb.
So brutal das Geschehen, so geschickt tariert Jaedi es mit Komik aus. Da lamentieren Medeas Verwandte laut über geklaute Lastwagen und „griechische Arschlöcher“. Matthias Redlhammer wiederum glänzt als vorgeblich begriffsstutziger Richter mit Hütchen sowie als brutaler und kulturbeflissener Mafiapate, der Jason den Auftrag zum Handschriftenklau gegeben hat. Verblüffend an Jaibis Verfahren ist, dass es das mythische Geschehen nicht mit De tailrealismus verkleinert, sondern Shakespearsche Wucht mit Brechtscher Analytik vereint. Dazu trägt das coole betongraue Kabinett mit schwarzen Sitzbänken (Bühne: Kays Rostom) genauso bei wie die eleganten schwarzen Kostüme von Gerhard Grollnhofer. Sie betonen das streng Exemplarische in Medeas gewöhnlichem Migrantenschicksal mit drei Jahren Putzjobs, einem an Kindern desinteressierten Mann („Du wirst es ausscheißen, dein Gör!“) und einer Hinwendung zum Islam mit Koran und Kopftuch. Medea bleibt eine Fremde und reagiert mit einer regressiven Rückbesinnung, die weit über ihre bürgerliche Herkunft hinausgeht. Doch auch Jason bleibt unverortet in der Mafiagesellschaft mit Pool und Päderastenkillern, sein Verhältnis mit Kreons Tochter Kreusa (Mandana Mansouri) entspringt schierem Karrieredenken. Was bleibt, ist die Katastrophe. Am Ende übernehmen die Verse des Euripides wieder die Regie, das Drama kehrt ins mythische Fahrwasser zurück. Ein bewegender Abend, der zu Recht mit Ovationen gefeiert wurde.
„Medea“ nach Euripides von Jalila Baccar und Fadhel Jaibi I R: Fadhel Jaibi
Bochumer Schauspielhaus I 8.-12.12., 19.30 Uhr
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

„Wir gehen den Weg zusammen“
Aurel Dawidiuk wird neuer Intendant und GMD der Bochumer Symphoniker – Interview 07/26
Urban Arts und Wüstenkunde
„Magec / the Desert“ auf PACT Zollverein in Essen – Tanz an der Ruhr 07/26
Die Läuterung der Bösen
„Der Sturm“ im Schlosspark Bochum Weitmar – Prolog 07/26
„Wir opfern unsere Welt für Fortschritt“
Regisseur Philipp Preuss über „Circus Oresteia“ im Mülheimer Raffelbergpark – Premiere 07/26
Ein Jahr lang gute Taten reichen nicht
„Die kleine Hexe“ beim Düsseldorfer Sommertheater im Park – Prolog 06/26
Freiheit, Krieg, Einsamkeit
„Ptah VI“ am Essener Aaalto Theater – Tanz an der Ruhr 06/26
Freiheit gegen Tyrannei
„Die Räuber“ am Bochumer Schauspielhaus – Prolog 06/26
„Die Szene ist noch sehr lebendig“
Leiterin Franziska Werner über das Impulse Festival 2026 in NRW – Premiere 06/26
Schrecken aus Eis und Finsternis
Fidena in Bochum: Marionetten aus Eis gleiten auf Virginia Woolfs Wellen – Bühne 05/26
Die Umschulung des Übels
„Adams Äpfel“ am Moerser Schlosstheater – Prolog 05/26
Der Tod am Anfang
„Radio and Juliet“ am Theater Dortmund – Tanz an der Ruhr 05/26
„Ich habe mich ausgetobt in verschiedenen Genres“
Komponist Samuel Penderbayne über „Die verzauberte Stadt“ am Aalto-Theater Essen – Interview 05/26
Abstieg in die Fleischerei
„Faulender Mond“ am Essener Grillo-Theater – Prolog 05/26
„Kunst kann helfen, auf die Welt zu reagieren“
Intendant Olaf Kröck über die Ruhrfestspiele Recklinghausen 2026 – Premiere 05/26
Kein Märchen von übermorgen
„1984 – Dystopie 2.0“ am Düsseldorfer Central 1 – Prolog 04/26
„Figuren wie unter einem Vergrößerungsglas“
Regisseur Jakob Arnold über „Ruf des Lebens“ am Schlosstheater Moers – Premiere 04/26
Zwei Künstler, drei Stücke
„Relations“ am Essener Aalto Ballett – Tanz an der Ruhr 04/26
Die Schwüle der Provinz
„Der Theatermacher“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Prolog 03/26
Suchen, Finden – und Verlieren
Benedict Wells‘ „Vom Ende der Einsamkeit“ am Schauspielhaus Bochum – Bühne 03/26
Kampf, Hoffnung, Überleben
„Burning City“ am Tanzhaus NRW – Tanz an der Ruhr 03/26
„Man muss in den eigenen Abgrund blicken“
Marie Schleef über „The Lottery“ am Essener Grillo Theater – Premiere 03/26
Zerbrechliche Landschaften
Elfriede Jelineks „Winterreise“ am Schauspielhaus Dortmund – Prolog 03/26
„Die KI wird nicht mehr verschwinden“
Karsten Dahlem inszeniert „Der Sandmann“ am Schauspiel Wuppertal – Interview 02/26
Weisheit, frei erfunden
„Tyll“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Prolog 02/26
Gemeinsam gegen einsam
„Wo sind denn alle?“ am Moerser Schlosstheater – Prolog 02/26