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Zu experimentell? Intendantin Julia Wissert steht in der Kritik
Foto: Birgit Hupfeld

Fehlt es an klassischem Repertoire?

24. Juni 2022

Geringe Zuschauerzahlen im Schauspiel Dortmund – Kommentar 06/22

Viel mediale Aufmerksamkeit wurde Julia Wissert zuteil, als sie im Herbst 2020 mit 36 Jahren und als erste Schwarze Frau die Intendanz im Schauspiel Dortmund antrat. Zwei Spielzeiten später steht sie wegen der geringen Zuschauerzahlen in der Kritik. Und die Zahlen sprechen für sich: In der Spielzeit 21/22 konnte das Schauspiel nur eine Auslastung von rund 30 Prozent verbuchen – inklusive Freikarten. Diese Bilanz ist also ein Anlass, den Programmansatz zu evaluieren.

Es ist jedoch problematisch, dass in der Berichterstattung über diese geringe Auslastung die Perspektive der Lokalpolitik wiedergegeben wird, ohne theaterkritische Gesichtspunkte zu erwähnen. Stattdessen wird in den Lokalblättern unhinterfragt die Diagnose abgedruckt, der zufolge es an „klassischem Schauspiel“ fehle, an Repertoireklassikern wie Brecht oder Molière.

Ein Blick auf die Programmpunkte zeigt: Wissert brachte den „Faust“ oder ließ Regisseur Poutiaire Lionel Somé eine antipatriarchale Interpretation von Shakespeares „Der Sturm“ aufführen. Hinzu kamen zwar Produktionen wie „Autos“ oder „Der Platz, die jedoch mit dem Theatertrend korrespondieren, auf der Bühne eine verfehlte Klima- und Klassenpolitik zu thematisieren. Denn anders als von den lokalpolitischen Stimmen suggeriert, gibt es keine Erfolgsgarantie durch ein klassisches Repertoire. An der Berliner Volksbühne etwa begann der damalige Intendant Chris Dercon die Post-Castorf-Ära mit Einaktern von Beckett oder Goethes „Iphigenie“ – und war schnell unbeliebt bei den Besucher:innen.

Der Tenor: Wissert habe das Schauspiel zum Experimentallabor verwandelt und damit das treue Publikum vergrault. Tatsächlich trat sie mit dem Ziel an, eine heterogene Gesellschaft zu repräsentieren, was sich etwa in den zahlreichen queerfeministischen Festivals unter ihrer Intendanz widerspiegelt. Vorbild für Wissert war z.B. das Theater Zuidplein in Rotterdam, das sich inmitten eines „Problemviertels“ als Emanzipationsanker etablierte und dafür auch die hiesige Zivilgesellschaft integrierte. Warum sollte trotz der offensichtlichen Anlaufschwierigkeiten Zuidplein keine langfristige Orientierung für Dortmunds Schauspiel sein, einer Stadt, in der jede:r Vierte unter Armut leidet? Ein Teil der Lokalpolitik sieht darin einen Irrweg.

Benjamin Trilling

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