Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
29 30 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12

12.454 Beiträge zu
3.713 Filmen im Forum

Wüste Bühne, wüster Abend, was will der Zuschauer mehr?
Foto: Birgit Hupfeld

Kampf den Ismen und der unerfüllten Liebe

29. Januar 2020

Sascha Hawemann inszeniert in Dortmund Dostojewskis „Dämonen“ – Auftritt 02/20

Es gibt so Abende im Theater, da wünscht man sich nach wenigen Minuten wenigstens eine harte römische Kline zur Erbauung, selbst wenn die Inszenierung nur eine Stunde dauert. Im Dortmunder Theater dauert Dostojewskis „Dämonen“ (Bühnenfassung von Sascha Hawemann und Dirk Baumann) gleich viere und dennoch war von einem gerutscht-geröteten Hinterteil keine Spur. Fiebrig raste das Ensemble durch die Fluten aus Text und Choreografie, gespannt und eifrig versuchte der Zuschauer Dialoge bei kryptisch russischen Namen immer den richtigen Protagonisten zuzuordnen und zunehmend auch Handlungsstränge auf der abstrakten weißen Bühne mit einem riesigen mobilen kyrillischen Buchstaben oder rollenden Klavier zu verorten. Einige jüngere Zuschauer verließen als erste das Theater, klar – Dostojewski und Twitter – da liegen Universen der Kommunikationspraktik zwischen, doch viele blieben auch angesichts des Spektakels, das die irren Geister dort im Scheinwerferlicht veranstalteten.

Schon der Beginn ist verstörend. Minutenlang ist nur Bewegung auf der Bühne, Kleiderständer werden hin und her geschoben, die Wände gestreichelt. Alle Protagonisten tauchen auf, verschwinden wieder. Währenddessen liegt Frank Genser als epileptischer Geist Nikolaj Stawrogin zuckend an der Rampe. Schon hier wird klar, das werden keine anstrengenden Rededuelle, Regisseur Sascha Hawemann setzt auf starke wechselnde Bilder mit vielen Facetten. Dann geht’s los. Anton Lawrentjewitsch (Uwe Schmieder) deklamiert ein längeres Intro, der in die Zustände und Querverbindungen der kleinen Kommune nahe St. Petersburg einführt. Es geht um Gott und die Welt im absoluten Sinne, die Welt schein aus den Fugen. Und Gott? Nun ja auch ihm scheinen die Menschen aus den Fingern geglitten zu sein, die Generationen prallen schutzlos aufeinander und Genser zuckt immer noch. Millionen Menschen sollen fürs neue, politische Ideal jenseits der Monarchie dran glauben, die alte Ordnung schwelgt dennoch lieber in der Erinnerung. Dämlicherweise machen auch private Verstrickungen die Dispute nicht leichter.

Und so geht die Reise durch die tausend Romanseiten Dostojewskis immer weiter, bis die bösen Wesen in den Köpfen der Menschen die Welt im dritten Teil ins Chaos gestürzt haben. Auslöser bleibt eigentlich der allseits beliebte Nikolaj Stawrogin (bleibt stundenlang grandios: Frank Genser), verhätschelter Sohn der reichen Witwe Warwara Petrowna (Friederike Tiefenbacher), der nach seiner Rückkehr aus dem Ausland von allen umworben wird, der aber wohl aus Neugier und Selbstbestrafung die verkrüppelte und geisteskranke Marja geheiratet hat und sich so auch den zur Zarenzeit üblichen Standesdünkeln entziehen wollte. Hawemann spielt mit der theatralischen Überforderung, die oft nur boshaft Bruchstücke liefert, wo eigentlich Erkenntnis gefragt wäre. Und das hat System, auch bei den Bildern, die er auf der Bühne generiert. Da hängen Mäuse am Kreuz, schmieren sich die Revoluzzer auf weißer Wand eine ganz neue Stadt. Shakespeare, Malerei, blutige Exzesse und eklige Eimerinhalte bilden den Klebstoff, der die Inszenierung über so lange Zeit zusammenhält. Und als Krönung mittendrin die alltägliche Lebenslüge ohne Happy End von Feingeist Stepan Werchowenkij (Andreas Beck) und der reichen Witwe, und am Ende mal wieder ein hüllenloser Uwe Schmieder. Was ist das? Ein schöner, wüster Abend, keine Minute zu lang.

„Dämonen“ | R: Sascha Hawemann | Sa 22.2. 18 Uhr | Theater Dortmund | 0231 50 27 222

PETER ORTMANN

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

House of Gucci

Lesen Sie dazu auch:

A-Capella-Oper
Kirsas Musik im Theater Dortmund

Plötzlich Bildungsbürgerin
Julia Wissert inszeniert im Theater Dortmund „Der Platz“ – Bühne 11/21

„Wir erzählen die Geschichte mehr von innen heraus“
„Das Mrs. Dalloway Prinzip / 4.48 Psychose“ am Theater Dortmund – Premiere 09/21

Wunderwelt Oper
„Avas Welt" am Theater Dortmund

Über Musik und Menschen
Dortmunder Philharmonie online

„Was bedeutet es eigentlich gerade ein Mensch zu sein?“
Julia Wissert ist die neue Intendantin am Theater Dortmund – Premiere 10/20

Hybride zwischen Heute und Morgen
Das Festival Inbetween im Dortmunder Theater – Bühne 03/20

Bühne.

Hier erscheint die Aufforderung!