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Kieran Joel
Foto (Ausschnitt): Stefan Mager

„Dass wir vor lauter Geldfetisch nicht mehr wissen, wo oben und unten ist“

29. August 2023

Regisseur Kieran Joel über „Das Kapital: Das Musical“ am Theater Dortmund – Premiere 09/23

Im Jahr 1867 erschien der erste Band von „Das Kapital“. Karl Marx‘ berühmte, kritische Analyse des Wirtschaftssystems ist aus dem ökonomischen und politischen Diskurs nicht wegzudenken. Kieran Joel spricht darüber, wie selbstverständlich uns kapitalistisches Denken geworden ist, über Theater zwischenkünstlerischem Anspruch und staatlicher Förderung und darüber, wie sich trockene Analyse unterhaltsam vermittlen lässt.

trailer: Herr Joel, was lernen die Menschen im Dortmunder Theater? Etwa, dass sich seit 1867 nichts geändert hat?

Kieran Joel: Sie lernen nicht, dass sich was ändert, sondern dass es noch schlimmer gekommen ist, wahrscheinlich. Also, dass wir die kapitalistische Ideologie noch mehr gefressen haben und vor lauter Nebel, Konsum und Geldfetisch gar nicht mehr wissen, wo oben und unten ist, und gar nicht mehr wissen, warum „Das Kapital“ das Kapital heißt und nicht der Kapitalist oder der Kapitalismus. 

Lernen sie auch, wie die Börse funktioniert, wo doch die Rente jetzt schon an die Börse geht?

Nein, eher nicht. Man wird emotional etwas verstehen, aber keine detaillierte Gebrauchsanleitung für die Börse bekommen. Aber wie in Filmen wie „The Wolf of Wall Street“ und „The Big Short“, also Filmen, die auch schon versucht haben, diesen Wahnsinn abzubilden, der gar nicht so mathematisch abzubilden ist.

Man wird emotional etwas verstehen“

Das Musical ist doch auch eine profitorientierte Kunstform, oder?

Genau. Und das ist die Schieflage in der wir uns befinden als Theater, das subventioniert ist. Im marxistischen Sinne sind wir keine Ausgebeuteten. Wir spielen ja keine Einnahmen ein, derart, wie vom Profit ein Produzent lebt. Der Musicaldarsteller ist im strengen marxistischen Sinne ausgebeuteter Arbeiter, da er mit seiner Leistung auf der Bühne Einnahmen generiert, die ein Produzent abschöpft. Das ist die Schieflage in dem sich das Stück befindet, es kommt ja aus dem chinesischen Raum, es ist übersetzt worden und deshalb müssen wir es auch bearbeiten und in unsere Realität holen, denn das Sprechtheater in China funktioniert nicht über Subventionen, sondern über Einnahmen.

Der knochentrockene Marx schafft es ja immer mal auf die Bühne, ich denke an Rimini Protokoll und es gab auch ein Projekt in der Schweiz, 2016. Warum bringt man „Das Kapital“ auf die Bühne?

Ich denke, ökonomische Fragen beschäftigen uns jeden Tag, ob wir uns damit theoretisch beschäftigen oder uns fragen, was die Milch morgen kostet. Wir leben ja in einer komplett durchökonomisierten Realität und deswegen schafft es der Marx immer wieder auf die Bühne und in die Literatur, weil wir uns daran erinnern, dass er ein Werk geschaffen hat, das aufzeigt wie jedes Lüftchen was wir atmen in Zusammenhang mit Kapitalismus und der Akkumulation von Kapital steht.

Der Musicaldarsteller ist im strengen marxistischen Sinne ausgebeuteter Arbeiter“

Über dem deutschen Stadttheatersystem hängt immer tiefer das Damoklesschwert der sinkenden Auslastung. Es geht im Stück also auch um monetäres Kapital, oder?

Ja, Dortmund hat mit den Auslastungszahlen gerade einen wunden Punkt, das ist ein großes Thema. Das heißt, wir werden das auf jeden Fall mit einfließen lassen. Das ist eine gesellschaftliche Frage: Wollen wir uns das Theater leisten? Sagen wir Theater ist ein Luxus, wir stellen uns das dahin und das kostet X und selbst wenn nur einer kommt, dann hat sich das gelohnt. Oder laufen wir monetären Interessen nach und sagen, das muss sich aber auch wirtschaftlich rechnen. Das ist ja immer eine große Frage. Gleichzeitig ist das aber etwas verklebt, denn wir müssen ja Kunst machen, Kultur schaffen, die für die Leute interessant ist, die sie sich ankucken, weil, davon leben wir ja auch. Man kann sich nicht im Elfenbeinturm einsperren und sagen, ok, drei Leute kommen, das ist jetzt hier Luxus und der Rest interessiert uns nicht. Und mit monetären Werten kann man immer alles gut nachweisen. Das ist ein guter Maßstab, um zu messen, wie viele Leute denn da waren. Deshalb gibt es Streit, wenn Freitickets verschenkt werden. Aber das heißt auch, dass Leute kommen.

Es geht also um die Beziehung zwischen Auslastung und künstlerischem Anspruch – und dann auch noch mit Tanzeinlagen?

Ja. Tanz und Musik sind gute Sinnträger. Das sind oft viel stärkere Medien als der sprechende Schauspieler auf der Bühne. Damit wollen wir auch spielen. Das hat auch mit der von Ihnen ja schon angesprochenen Trockenheit des Werks zu tun. Die Form des Musicals mit Tanz und Gesang kontert das ganz schön aus. Da liegt auch ein bisschen Humor drin.

Da liegt auch Humor drin“

Erwartet die Zuschauer:innen denn eine Nummernrevue?

Nein. Es gibt ein Narrativ, es gibt eine Geschichte. Anhand derer sich die Nummern aufreihen. Aber die Nummern, also da wo gesungen wird, da sind die Emotionen am höchsten.

Es hat also etwas von Brechtscher Dreigroschenoper?

Genau. Hier wird ganz klar ein Verfremdungseffekt genutzt. Und als Methode der Erkenntnis, nicht l’art pour l’art-Eskapismus.

Inszeniert man Musicals anders als Schauspiele?

Ja, schon. Es gibt ja die Songs und die Einlagen, wie man sich das so vorstellt. Ich bin auch viel abhängiger von meinem Musiker als sonst, wenn er sich eine Szene anguckt und dann Musik anbietet. Hier ist es umgekehrt. Jetzt bietet er einen Song an und ich baue die Szene dazu oder meine Choreografin. Ich sehe mich als Regisseur schon oft mit gebundenen Händen an der Seite stehen. Es gibt aber auch viele schauspielerische Parts, die versuche ich so sinnhaft zu konstruieren, dass die darauffolgende Nummer, ob Tanz oder Gesang oder beides beglaubigt ist, oder seine Berechtigung hat.

Wo gesungen wird, sind die Emotionen am höchsten“

Gibt es im Dortmunder Ensemble genügend Sänger:innen?

Die Schauspieler:innen haben ja in ihrer Ausbildung auch Gesangsgrundlagen, jede:r ist ein bisschen unterschiedlich in seinen Qualitäten, aber davon wird der Abend auch leben. Diese Inszenierung wird auf jeden Fall nicht unsichtbar machen, dass es sich hier um die Schauspielsparte handelt.

Das Kapital: Das Musical | Fr 8.9. 19.30 Uhr (deutsche Erstaufführung) | Theater Dortmund | 0231 502 72 22

Interview: Peter Ortmann

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