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Selen Kara
Foto: © Dome Darko

„Wir erzählen die Geschichte mehr von innen heraus“

15. September 2021

„Das Mrs. Dalloway Prinzip / 4.48 Psychose“ am Theater Dortmund – Premiere 09/21

trailer: Frau Kara, warum ein Double Feature im Theater – ist 4.48 Psychose nicht schon psycho genug?

Selen Kara: Es kommt darauf an, was man erzählen möchte. Ich habe sehr eng mit dem Dramaturgen Christopher-Fares Köhler gearbeitet und auch recherchiert. Wir wollten einen Stoff finden, der nicht so ganz in die Kategorien Zeitgenössisches Theater oder Klassisches Theater passt. In unserer Recherche sind wir auf ganz viele tolle Autor:innen gestoßen. Wir haben uns sehr intensiv mit Sarah Kane und Virginia Woolf auseinandergesetzt – und haben sehr viele Parallelen zwischen diesen beiden besonderen Autorinnen festgestellt unabhängig von der, unter der beide Autorinnen gelitten haben. Wir haben uns daher entschieden, ein Projekt zu machen, ein Double Feature. Dabei haben wir andere Schwerpunkte gesetzt und uns auf inhaltliche Parallelen zwischen den beiden Texten konzentriert. Der erste Teil besteht aus Virginia Woolf‘s „Mrs. Dalloway“, der Zweite aus „4.48 Psychose“ von Sarah Kane. Der erste Teil funktioniert in unserer Variante auch nur mit dem zweiten zusammen und umgekehrt. Es ist ein Abend.

Was verbindet Clarissa Dalloway mit den fiktiven Figuren Sarah Kanes?

Ich würde nicht die Figuren verbinden, weil es bei 4.48 Psychose keine konkreten Figuren gibt. Ich würde andere Motive verbinden. Es geht vielmehr darum, welche Möglichkeiten es gibt, Leben zu leben. Im ersten Teil gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten, die Virginia Woolf anhand von Clarissa und Septimus zeigt. Wir werden in einen stream of consciousness reingezogen und blicken durch die Brille der Figuren auf die anderen Figuren im Stück und im zweiten Teil ist es eher die aus einem Innenleben heraus mit all ihren Wünschen, Hoffnungen und Motiven der Depression. Der 2. Teil bringt uns in eine tiefere Erzähler:innenebene.

War nicht der medizinische Blick auf die psychische Gesundheit damals völlig anders und führte so zu völlig unterschiedlichen Assoziationen?

Das stimmt. Man hat damals psychische Erkrankungen anders betrachtet und kategorisiert als heute. Aber wir haben uns freigemacht von diesem Außenblick auf den „kranken Menschen“. Das spielt bei uns keine zentrale Rolle. Wir erzählen die Geschichte mehr von innen heraus, denn das ist das, was die Autorinnen machen, dass sie uns wunderbar in die Innenwelten eintauchen lassen. Also gibt es einen Perspektivwechsel, auf den wir uns bei dem Projekt konzentriert haben. Mir war es ganz wichtig, beide Teile nicht unter den Deckmantel Frauen und Selbstmord zu setzen.

Obwohl die Situationen eines „verschwendeten Lebens“ bei Virginia Woolf völlig anders waren als bei Sarah Kane?

Ja. Aber es ist etwas bis heute geblieben, nämlich dass man meint, psychisch Erkrankte durch bestimmte Kategorien oder Stempel in bestimmte Schubladen zu stecken. Da bin ich wieder bei der Perspektive. Selbstverständlich war es zu ihrer Zeit extremer, umso wichtiger finde ich es, Texte von Virginia Woolf heute zu erzählen, weil sie einfach eine bahnbrechende, tolle, revolutionäre Autorin war, die nicht immer verstanden wurde. Die größeren Schwierigkeiten ausgesetzt war als Autorinnen heute, und trotzdem sehen wir ja fast 80 Jahre später bei Sarah Kane ähnliche Probleme. Schade finde ich auch, dass beide Autorinnen diesen Stempel nicht loswerden. Wenn man an Virginia Woolf denkt, aber vor allem an Sarah Kane, dann liest man ihre Texte immer autobiografisch. Vor allem dieses letzte Stück „4.48 Psychose“ bezieht jeder immer auf sie als Autorin. Dabei geht es bei Sarah Kane auch um Themen wie Liebe und Hoffnung, aber das gerät immer in den Hintergrund.

Beim letzten Stück bin ich bei Ihnen, bei den ersten Stücken hätte man das nicht vermutet.

Das stimmt. Weil „4.48“ ihr letztes Stück war, liest man es leider immer wie einen Abschiedsbrief.

Wie inszeniert man so einen „Dialog“ zwischen der Romanfigur von Virginia Woolf und den Figuren von Sarah Kane?

Ursprünglich hatten wir vor, beide Teile viel mehr miteinander zu verweben und zu mischen. Das ging aus rechtlichen Gründen nicht. Sarah Kane hat in ihrem Testament festgehalten, dass man ihre Stücke von Anfang bis Ende durchspielen muss. Deshalb haben wir auch ganz klassisch einen ersten und einen zweiten Teil. Aber es gab Momente, wo wir dachten, da unterhalten sich die Figuren, und da begegnen sich auf der Bühne Virginia Woolf und Sarah Kane. Das funktioniert eher auf einer assoziativen Ebene.

In einem Bühnenbild oder mehr auf einer platten Fläche?

In einem Bühnenbild von Lydia Merkel, eigentlich sogar zwei – eins für den ersten Teil und eins für den zweiten Teil in dem sieben Spieler:innen insgesamt agieren. Wichtig bleibt: Man muss den ersten Teil sehen, um Teil zwei zu verstehen.

„Das Mrs. Dalloway Prinzip / 4.48 Psychose“, Foto: Birgit Hupfeld

Zweimal ein vielleicht verschwendetes Leben. Wer von beiden hatte wohl den schwierigeren Weg?

Die Frage finde ich schwierig. Ich habe Tagebücher von Virginia Woolf gelesen und beide Autorinnen hatten einen unterschiedlichen Stil. Ich denke, es ist anmaßend zu sagen, „verschwendetes Leben“ und es wäre auch schlimm, beide Leben miteinander zu vergleichen. Das darf man nicht. Man kann auch nicht das Leid der Frauen miteinander vergleichen. Ich denke, dass jede ihre Gründe für bestimmte Entscheidungen hatte. Durch ihre Texte und die Kunst bekommt man nur einen Eindruck, einen Einblick in die tiefen Abgründe und Gedankenwelten dieser Autorinnen. Man kann die Werke miteinander vergleichen und Parallelen ziehen. Aber ich würde es auch nicht bewerten, indem man sagt, „verschwendet“. Ich glaube nicht, dass ein Leben verschwendet ist. Jedes Leben hat eine Daseinsberechtigung.

Das Mrs. Dalloway Prinzip / 4.48 Psychose | R: Selen Kara | Sa 25.9. 19.30 Uhr, So 26.9. 18 Uhr | Schauspielhaus Dortmund | 0231 502 72 22 

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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