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Hunderte gelbe Schuhe auf Pump

10. Februar 2022

„Der Besuch der alten Dame“ in Bochum – Bühne 02/22

Aus heutiger Sicht ist die Frage, ob eine Gemeinde oder Gesellschaft angesichts monströser monetärer Gewinnerwartung ihre humanitären Grundsätze aufgibt und im nun vogelfreien Raum Mord als Zahlungsmittel akzeptiert, eigentlich seit Jahrhunderten beantwortet. In Europa bringt dieser lukrative Mechanismus seit jeher einträglichen Gewinn für wenige. Postkolonialismus, Rassismus, Katholizismus, Neonationalismus: Die „-ismusse“ scheinen unendlich, unsere europäische Freiheit lebt eben von Ausbeutung und Unterdrückung Dritter bis hin zu deren Tod. Der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt hat diese unheilige Vorgehensweise vor 65 Jahren in seinem Stück „Der Besuch der alten Dame“ auf die Gemeinde Güllen heruntergebrochen. Dort stellt die Milliardärin Claire Zachanassian, einst bei einer Vaterschaftsklage von der bestochenen Justiz der Stadt verhöhnt, die Integrität der Bürger auf die Probe. Betriebsmittel heimlich aufgekauft, hat sie die Gemeinde in den Ruin getrieben und verlangt nun für eine Milliarde Franken zur Wiederaufbauhilfe den Mord am ehemaligen Liebhaber III.

Die „tragische Komödie“ in drei Akten hat Nicolas Stemann vor knapp einem halben Jahr an ihrem Uraufführungsort, dem Schauspielhaus Zürich, neu interpretiert. Die außergewöhnliche Inszenierung wandert im Rahmen von „Transfer Zürich/Bochum“ nun ins Bochumer Schauspielhaus, wo dann wieder Patrycia Ziółkowska und Sebastian Rudolf auf einer ziemlich leeren Bühne sämtliche, also schlapp 30 Rollen spielen und dabei erstaunlicherweise nicht für dramaturgische Verwirrung sorgen. Verwirrung wird im Ruhrgebiet eher die Schweizer Elektrobeat-Ikone Camilla Sparksss (Barbara Lehnhoff) stiften (als Beispiel höre „Europe“, 2013 oder „Womanized“, 2019), die den zentralen Satz in Stemanns Inszenierung „This is what is left of Europe“ immer wieder von ihren Turntables in den Zuschauerraum durchsticht. Die Ordnung in Güllen hat sich derweil radikal auf den Kopf gestellt. Die Inszenierung fragt nicht nur nach Vergeltung und Gerechtigkeit, sondern geht auch der Frage nach, wie aus der Betroffenen eine Täterin wird. Nicht verpassen!

Der Besuch der alten Dame | R: Nicolas Stemann | Mi 2.3. 19.30 Uhr (P) | Schauspielhaus Bochum | www.schauspielhausbochum.de/

Peter Ortmann

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