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Auf dem Strandtuch lässt sich über die Politiker sprechen
Foto: Birgit Hupfeld

Die Toten und die Politiker

08. Dezember 2021

„Antigone. Ein Requiem/ Die Politiker“ in den Kammerspielen Bochum – Bühne 12/21

Draußen spülen die Meereswellen die Toten an den Strand, wie die Botin (Jing Xiang) dem Herrscher Kreon (Michael Lippold) meldet. Und drinnen? Dort beginnt ein Konflikt zwischen den Thebanern, die darum ringen, wie mit den Leichen umzugehen sei: Das tun, was immer getan wird („wir verschließen die Augen“), und alle Verantwortung von sich weisen, wie es dieser EU-Frontext-Kreon befürwortet; oder die Toten beerdigen und damit zumindest aus der Anonymität reißen, wie Antigone (Anna Drexler) vehement einfordert.

Regisseur Franz-Xaver Mayr verbindet in den Kammerspielen Bochum mit „Antigone. Ein Requiem/ Die Politiker“ die beiden Erfolgsstücke der österreichischen Dramaturgen Thomas Köck und Wolfram Lotz. Es sind also zwei Stücke an einem Theaterabend, die diese Inszenierung verbindet: Köcks Rekomposition des antiken Mythos und Lotz‘ konkretpoetisches Bühnengedicht über die Politiker:innen-Kaste, welche die herrschenden Verhältnisse verwalten.

Nächtliche Schlaflosigkeit

Dieser zweistündige Theaterabend beginnt mit Strandtüchern, die niedliche Koalabären oder laszive PinUp-Gils zieren, und welche die sechs Darsteller:innen in luftigen Klamotten sorgfältig auf dem Strand ausbreiten, bevor sie damit loslegen, über die Politiker zu monologisieren. Die erste Hälfte gehört dem sprachgewaltigen Text von Lotz; er wird mehr vereinzelt gestottert, als im Sprechchor posaunt, ja, es bröckelt den Ensemblemitgliedern mehr aus der Kehle heraus, wie direkt zu Beginn: „Die Politiker, die Politiker…“

Das klingt repetitiv und rhythmisch, wie ein Sprachkonzert, und zuweilen so schön, wie die Politiker angeblich sind, die ihre Haare so ordentlich tragen, wenn sie sich durch die Nacht winden, wie es heißt. Die Nacht signalisiert metaphorisch den Weltzustand, den die Politiker ebenfalls erwähnen: jenen Riss, „der nicht zu kitten ist/ und dazwischen ist Dings/ Dazwischen ist nichts“. Nachts stellt sich ebenso die Frage, wie ist es ist, schlaflos im Bett zu liegen – wohl angesichts der Lage da draußen? „Es tut weh“, antwortet William Cooper.

Schweigende Mehrheit

Doch ist es wirklich so einfach, sich als Individuum zu begreifen, das bloß auf die Politiker blickt? Ist das Zoon politikon Aristoteles‘, das im Programmheft zitiert wird, suspendiert? Oder ist schon das Sprechen ein politischer Akt? Das sind die gesellschaftlichen wie moralischen Fragen, die Mayrs textlastige Inszenierung stellt. Den Boden, auf dem alle stehen, symbolisiert Michaela Flücks karges Bühnenbild jedenfalls mit Platten, die zunächst an einen Strand denken lassen.

Erst in der zweiten, der „Requiem“-Hälfte taucht ein steriles Licht diesen Untergrund in eine Art düstere Mondlandschaft, welche das Ensemble neu betritt; diesmal in grauen Einheitskleidern: Es ist schwer aus dem Kollektiv zu treten, das die Toten am Strand sich selbst überlassen will. Antigone wagt bekanntlich den Aufstand, eröffnet eine Art Agora, in der ausgetragen wird, wie mit den gestorbenen Geflüchteten umgegangen wird: beerdigen oder ignorieren?

Dass Mayr Köcks Schluss herausstrich, in der die Toten als eine Art Zombie-Chor zurückkehren und damit auf eine Repräsentanz dieser Verstorbenen verzichtet, akzentuiert seine Kombination beider Stücktexte: als Selbstbefragung der europäischen Werte; als Echokammer der Krisen, die der Westen externalisiert. So streitet Kreon in einem Wortwechsel mit Haimon ab, die Menschen im Meer zu töten. Es sei vielmehr: „abwägen, austarieren“, eben eine machtpolitische Geste der Souveränität: Drinnen lässt man nur sterben, die da draußen.

Antigone. Ein Requiem / Die Politiker | Schauspielhaus Bochum | 19.12., 26.12., 19 Uhr; 11.1., 12.1., 21.1., 19.30 Uhr | 0234 3333 5555

Benjamin Trilling

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