Nachdem die letzte Hiobsbotschaft gerade überwunden scheint, bereiten Sie sich auf den nächsten Untergang vor. Es geht um nichts weniger als Krieg und Frieden, nicht gleich in Ihrer Straße, sondern erst einmal im Cyberspace. Glauben Sie nicht, das wäre egal, warten Sie es ab: Aktuellen Hochrechnungen zu Folge wird die Menschheit im Sommer 2013 ihre gesamten gegenwärtigen Daten ins globale Netz eingespeist haben. Bereits im Februar beginnt deshalb am Schauspiel Dortmund ein theatrales Experiment, das in einer Uraufführung an die Unabhängigkeit des menschlichen Geistes appelliert – in der Interzone zwischen Stream und Live-Code: Schauspiel, Musik, Video Art und Programmierung. Es geht um „Krieg und Frieden im globalen Dorf“ (von Marshall McLuhan). Welche evolutionären Entwicklungen dieses neue System im System erzeugen wird, ist noch gar nicht abzusehen.
Vieles im Dickicht der Städte wird sich nicht, wahrscheinlich auch niemals, verändern. Schon deshalb hat Bertolt Brecht die ewigen Auseinandersetzungen zwischen denen da oben und uns da unten in Worte gekleidet: „Der Kampf zweier Männer in der Riesenstadt Chicago“ nennt Bertolt Brecht sein 1923 uraufgeführtes Drama im Untertitel. Ein Kampf, der anscheinend aus dem Nichts entsteht. Einfach weil Shlink, der schwerreiche Holzhändler, beschließt, ihn zu führen. Gegen George Garga, Musterexemplar einer verkrachten Prekariatsexistenz, dessen Arbeitsplatz und Lebensentwurf Shlink zum Auftakt mit leichter Hand vernichtet. Doch Garga nimmt den Kampf an und macht sich nun seinerseits daran, Shlinks Holzhandlung zu zerstören und sich in dessen gelangweiltem Leben festzusetzen. Shlinks Kampf jedoch ist ein Kampf ohne Moral und schon nach kurzer Zeit ist die scheinbare Privatangelegenheit ein Kampf auf Leben und Tod in einer gespaltenen Gesellschaft: Oben gegen Unten, Arm gegen Reich, Gesetz gegen Gesetzlosigkeit – bis in der Riesenstadt keiner mehr unbeteiligt ist.
Da hilft auch kein Wunderland mehr. Selbst wenn Schorsch Kamerun, Punker, Wirt und Theater-Tausendsassa, das Publikum in den bekannten Kaninchenbau stürzen wird. Das soll dann plötzlich inmitten rasender Tiergesichter, tyrannischer Herzköniginnen und trügerischer Bessermacher sitzen. Ist jetzt alles verkehrt herum? Kamerun glaubt, wir seien fleißig dabei, uns durch Zauberspeisen aufzublasen und gleichzeitig einzuschrumpfen. Und weil die gelernten Regeln nicht mehr greifen, die geforderten Ziele blödsinnig scheinen, hängen alle orientierungslos im Wunderland. Und dann taucht auf einmal eine Katze auf, die verdächtig guckt. So hat sich Lewis Carroll das nicht gedacht. „Alle im Wunderland“ ist ja auch ein theatrales Bürgerkonzert von und mit Menschen aus der Umgebung, Schauspielern und Musikern, in dem der Goldene Zitronen-Sänger den existenziellen Entwurf einer immer schwerer zu fassenden Welt finden will. In zahlreichen Interviews befragte Schorsch Kamerun Oberhausener Bürger dafür nach ihren Lebensräumen, in denen sie sich permanent anders gestalten und auf eine passende Größe bringen müssen. Ausgehend von Motiven aus „Alice im Wunderland“überträgt Schorsch Kamerun diese und andere Strategien des heutigen Überlebens im spätkapitalistischen Wunderland in Songtexte.
„Der Live-Code: Krieg und Frieden im globalen Dorf“ von Daniel Hengst | 21. 2. 20 Uhr | Theater Dortmund | 0231 5 02 72 22
„Im Dickicht der Städte“ von Bertolt Brecht | R: Roger Vontobel | 2.2. 19.30 Uhr | Schauspielhaus Bochum | 0234 33 33 55 55
„Alle im Wunderland“ nach Lewis Carroll | R: Schorsch Kamerun | 15.2. 19.30 Uhr | Theater Oberhausen | 0208 8 57 81 84
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