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Aurel Dawidiuk
Foto (Ausschnitt): Irène Zandel

„Wir gehen den Weg zusammen“

06. Juli 2026

Aurel Dawidiuk wird neuer Intendant und GMD der Bochumer Symphoniker – Interview 07/26

trailer: Herr Dawidiuk, Sie haben die Geschichte schon mehrfach erzählt:Sie saßen mit sechs Jahren in der Staatsoper Hannover bei Mozarts „Zauberflöte“. Aber die Oper hat sie nicht so interessiert wie das Orchester und vor allem der Dirigent – und seither hatten Sie vor, Dirigent zu werden.

Aurel Dawidiuk: Und diese Geschichte ist wirklich wahr!

Wann haben Sie sich entschlossen, eine professionelle Musikerlaufbahn einzuschlagen?

Ich formuliere es umgekehrt: Ich habe nie den Entschluss getroffen, Musik professionell zu machen, sondern es hat sich konsequent ergeben. Innerlich war mir das sehr früh klar. Ich habe nie über andere Berufe nachgedacht. Aber es gab nicht den einen Punkt, an dem ich mich „entschieden“ habe.

Es hat nie eine Art Erweckungserlebnis gegeben?

Ja und Nein, das ist einfach verbunden mit der „Zauberflöte“, auch mit vielen anderen musikalischen Eindrücken. Ich habe in meinem Leben immer viel Musik gehört und gemacht. Und der Übergang zur Professionalität schloss sich bruchlos an.

Sie haben Klavier und Orgel studiert und betätigen sich auch als Organist. War ihnen von vornherein klar: Ich will Dirigent werden?

Für mich war eigentlich immer klar, ich möchte dirigieren. Aber ich wollte damit auf keinen Fall zu früh beginnen, sondern erst einmal ein Instrument lernen, und zwar nicht nur ein bisschen, sondern auf möglichst hohem Niveau. Nur so kann man später auf Augenhöhe mit den Orchestern kommunizieren.

Hat die Beschäftigung mit der Orgel Auswirkungen auf die Art, wie Sie als Dirigent an die Musik herangehen?

Auf jeden Fall. Das merke ich mehr und mehr. Die Orgel ist ja das Instrument, das dem Orchester am nächsten ist – sie imitiert selbst alle möglichen Instrumente. Sie stellt die Aufgabe, in einer begrenzten Vorbereitungszeit ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen. Da ist zunächst die Lautstärke: Laut geht von selbst, aber die Zwischenfarben und den Ambitus bis zum Pianissimo richtig einzustellen, ist mir wichtig, und dann die Mischung der Klangfarben zu finden. Das Ausbalancieren der einzelnen Stimmen und Instrumentengruppen ist bei der Orgel und beim Dirigieren die Hauptaufgabe, kurz gesagt: Balance und Klang finden. Bei der Orgel ist es ein technischer, beim Orchester ein lebendiger Prozess. Da habe ich mit Menschen zu tun, das macht natürlich noch mehr Freude.

Übertragen Sie auch musikalische Konzepte von der Orgel auf das Orchester? Es heißt ja zum Beispiel, Bruckner habe seine Sinfonien auch von der Orgel her gedacht.

Das ist der Fall, wenn es um die Frage geht, wie man diese Balance erreicht, die Abstimmungen und Nuancen. Bei der Orgel legt man das stufenweise an: Man zieht ein Register und die entsprechenden Klänge kommen. Im Orchester lassen sich Klänge viel nuancierter und diskreter gestalten. Manchmal ist es bei der Orchesterarbeit beinahe wie an einem Orgelspieltisch, wenn ich überlege, wie ich von dem einen zu dem nächsten klanglichen Ausdruck finde. Je länger ich Orgel spiele, desto mehr Erfahrung sammle ich im Nuancieren der Klangwelten und kann diese Erfahrungen auch in meine Probenarbeit mit dem Orchester mitnehmen.

Stichwort Erfahrung: Sie schauen noch nicht auf eine lange Lebenszeit zurück. Wenn Sie jetzt als arrivierter Dirigent auf Ihre Studienzeit blicken: Welche Entwicklungen sehen Sie?

In meinem Studium in Zürich hatte ich das Glück, mehrmals pro Woche mit Orchestern arbeiten zu können. Also keine Theorie, sondern Bedingungen wie im späteren Beruf. Ich habe dabei früh gelernt, wie man vor einem Orchester steht, wie man mit den Musikerinnen und Musikern spricht und dass man authentisch bleibt – all das hat am Ende großen Einfluss auf die Musik selbst. So hatte ich die perfekte Vorbereitung für die spätere Arbeit in Amsterdam mit dem Royal Concertgebouw Orchester, einem der besten Orchester der Welt. Dort habe ich dann als Associate Conductor zwei Jahre lang Woche für Woche mit Top-Dirigenten und Solisten zusammenarbeiten dürfen. Da muss man schon das entsprechende Level zeigen. Und jetzt geht es weiter in Verantwortung für die Bochumer Symphoniker als Chef. Ich freue mich sehr auf das, was jetzt beginnt.

Kommen wir auf Bochum: Die Symphoniker sind ihr erstes festes Orchester. Was erwartet sie in Bochum und was erwarten Sie?

Wir haben bisher eine Woche zusammen erlebt, unddanach war klar, wir gehen den Weg zusammen. Das war der Wunsch des Orchesters und auch mein Wunsch. Wir hatten gleich eine Verbindung und auch den Anspruch, zusammen auf Top-Niveau zu arbeiten. Die nächsten Jahre bieten eine tolle Gelegenheit, dass wir uns gemeinsam weiterentwickeln und wachsen. Mir geht es in erster Linie um das Musizieren und die Musik selbst. Das steht für mich über Allem.

Welches Programm erwartet die Zuhörer? Welche Linien und Prioritäten haben Sie für sich entwickelt?

In den nächsten drei Jahren machen wir den „Chefzyklus“ überhaupt: die neun Beethoven-Sinfonien. Wir gehen strikt chronologisch vor mit Nummer eins bis drei in der ersten Saison. Das alleine reicht aber nicht. Wir kombinieren Beethoven mit drei Komponisten, die für die Stadt und das Orchester von historischer Bedeutung sind: Paul Hindemith, Ernst Krenek und Erwin Schulhoff. Ich möchte mit diesen Komponisten einen Kontrapunkt zu Beethoven setzen: Zu jeder Sinfonie soll eines ihrer Werke erklingen. Die andere große Linie: Vor jeder Beethoven-Sinfonie spielen wir eine der „Fanfares for the Uncommom Woman“ der Amerikanerin Joan Tower. Damit kommentieren wir Beethoven, dem Ideale wie Freiheit und Mut wichtig waren, aus heutiger Perspektive. Ich werde außerdem in jeder Saison ein Konzert am Klavier spielen und dirigieren – so im Antrittskonzert am 5. September das D-Dur-Klavierkonzert Joseph Haydns. Ein weitere Schwerpunkt – und da fange ich demütig bei Null an – ist Bruckner. Wir haben am 10. Oktober die „Nullte“ im Programm. Wir werden Bruckner auch in der Orchesterakademie, die ich leiten werde, aufführen. Der Grund ist, dass Bruckner mein Lieblingskomponist ist, und – wie ich finde –, der Komponist unserer Zeit. Der lange Atem und die innere Haltung seiner Musik ist eine Herausforderung.

Was verstehen Sie unter „Haltung“ bei Bruckner?

Eben nicht das Kurzfristige, das Hyperaktive, Kurzatmige und Effektvolle. Für Bruckner ist genau das Gegenteil notwendig.

Über Bochum hinaus: Wie sieht es bei Ihnen mit der Oper aus?

Da darf ich Ihnen noch nicht so viel verraten, aber in jedem Fall ist Oper im Rahmen der Ruhrtriennale, bei den Bochumer Symphonikern im Programm und auch anderswo schon fest eingeplant.

Aurel Dawidiuk: Antrittskonzert | Sa 5.9. 19 Uhr | Anneliese Brost Musikforum Ruhr | 0234 33 33 86 22

Interview: Werner Häußner

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