Immer wieder gibt es Unkenrufe, die Oper sei tot. Von wegen! Da halten Musiktheater trotz zunehmenden Spardrucks an der Aufführung selten gehörter Werke fest, so zuletzt etwa in Wuppertal mit Antonio Vivaldis packendem Drama „La Griselda“. Da graben drei Häuser in NRW vergessene Opern von Komponistinnen aus: Detmold das Drama „The Wreckers“ der englischen Frauenrechtlerin Ethel Smyth, Dortmund „Mazeppa“ der Französin Clémence de Grandval, Essen „Die Fritjof-Saga“ der Schwedin Elfrida Andrée. Alles Abende, die spannende Musik, berührende Geschichten und neue Einsichten eröffneten.
Nicht weniger lebendig das Panorama der Uraufführungen: Allein in Dortmund zwei neue Kinderopern, die auch Erwachsene zum Nachdenken und Mitfiebern animieren. Und jetzt in Dortmund und Essen zwei groß besetzte Neuheiten: „Die verzauberte Stadt“ des in Wien ansässigen Australiers Samuel Penderbayne in Essen und an der Oper Dortmund als Höhepunkt des „Wagner-Kosmos“ im Mai Sarah Nemtzovs Musiktheater „Wir“ – getreu der oft missverstandenen Aufforderung Richard Wagners: „Kinder, macht Neues.“
„Wir“ ist die siebte und bisher aufwändigste Oper Nemtzovs, ein fünfaktiges Werk nach Jevgeni Samjatins Roman (1920), der in der Sowjetunion als erstes Buch sofort nach Erscheinen verboten wurde. Er handelt von einem hermetisch abgeschlossenen Staatsgebilde, in dem dank strenger Reglementierung Glück und Harmonie herrschen. Ein mächtiger „Wohltäter“ sorgt mit Hilfe von „Beschützern“ für das Gemeinwesen, in dem die Bewohner mit Nummern gekennzeichnet sind. Das System funktioniert, bis der Ingenieur D-503 entdeckt, wie die Liebe und das Bewusstsein des einzigartigen Individuums die Systemlogik sprengen.
Die 1980 in Oldenburg geborene Sarah Nemtzov hat bereits mit acht Jahren zu komponieren begonnen und gehört heute zu den eigenwilligsten Musikschöpferinnen im Kosmos der zeitgenössischen Musik. Immer wieder stellen sich ihre Werke sozialen und politischen Fragen, so im Falle von „Wir“ den Folgen einer wohlmeinenden Diktatur und dem sich perfekt gebenden Staat. Die musikalische Leitung übernimmt der in zeitgenössischem Musiktheater erfahrene Gastdirigent Michael Wendeberg. Die Inszenierung besorgt Eva-Maria Höckmayr, die bereits 2023 die Uraufführung von Nemtsovs Oper „Ophelia“ in Saarbrücken szenisch erarbeitet hat.
Wir | 14. (UA), 24.5, 3., 5., 7.6. | Oper Dortmund | 0231 502 72 22
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