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„Vom Licht“
Foto: © Theater an der Ruhr

Gegen den Mangel an Erkenntnis

17. März 2022

„Vom Licht“ in Mülheim – Prolog 03/22

Wer sagt, dass zeitgenössisches Theater immer ein intellektuelles  Zuckerschlecken zwischen Drama und Epik sein muss? Manchmal braucht es viel Energie um der wandelnden Mensch-Materie da auf dem Bühnenboden zu folgen. Energie und Materie, da geht es schon los, da werden Schulweisheiten in die Gehirnwindungen gespeist, bei manchen sogar das Bose-Einstein-Kondensat, das auch als fünfter Aggregatzustand bezeichnet wird, weil dort alle Atome die gleiche Energie haben. Klar soweit?

Im Theater an der Ruhr inszeniert das italienische Kollektiv Anagoor Anselm Nefts Roman „Vom Licht“. Es ist die Geschichte von Valentin und Norea auf ihrem Selbstversorgerhof in der österreichischen Provinz, wo sie ihre Kinder unter der Prämisse aufziehen, dass alle Materie böse und falsch ist, die Welt ein schlechter Ort und nur die Heimkehr in ein entmaterialisiertes Lichtreich das Ziel ihrer Existenz sein kann. Es sieht also so aus, dass Materie einen sechsten Aggregatzustand nötig hätte. Tauchen wir ab in das Weltbild von Valentin (Namensgeber ist ein Gnostiker, 2./3. Jahrhundert) und Norea (lt. Gnostiker Frau von Noah, auch die letztgeborene Tochter von Adam und Eva). Ihre Kinder Adam und Manda besuchen keine öffentliche Schule, sondern werden von den Eltern zu Hause unterrichtet. Da wird die Entstehung der Welt, die von Anbeginn an in Geist und Materie gespalten sein soll, in neue Bahnen gelenkt. Die Kinder stellen alles Dingliche in Frage, so etablieren sich Weltfeindlichkeit, so werden unreflektiert Religions- und Wissenschaftsaspekte negiert, unlautere persönliche Fragen oder eigene Gelüste zu handfesten Dingen sind (un-)natürlicherweise nur mit einem Mangel an Erkenntnis zu erklären.

Anagoor will mit der Dramatisierung am Theater an der Ruhr einige der empfindlichsten Nerven des Westens berühren. Der „Aussteigerroman“ von Anselm Neft über schwierige Erziehungsmethoden, über ein verwirrendes Weltbild, dass zu einer Geschichte der Isolation und Absonderung von der Welt wird, entwickelt sich im Stück „Vom Licht“ auch zur radikalen Reflexion über das Konzept von Familie, Elternschaft und Erziehung an sich. Was von der bösen Materie und dem Licht dann übrig bleibt, werden die Zuschauer bei der Uraufführung sehen.

Vom Licht | 19. (P), 20., 26.3., 9., 10.4. | Theater an der Ruhr, Mülheim | www.theater-an-der-ruhr.de

Peter Ortmann

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