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Foto: F. Götzen

Nebel, Schaum und falsche Bärte

10. November 2021

„Nathan.Death“ am Theater an der Ruhr – Auftritt 11/21

Die Frage nach der Toleranz oder Ungläubigen-Vernichtung als Trash-Guckkastentheater. Ein echter White Cube ist die Bühne für die Auseinandersetzung der Religionen in Mülheim. Das Theater an der Ruhr zeigt „Nathan.Death“ von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, inszeniert von Phillip Preuss. Im Publikum eine ganze Oberstufenklasse, kein Wunder, Gotthold Ephraim Lessings dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“ passt seit seiner Veröffentlichung 1779 wohl nahtlos in alle deutschsprachigen bildungsbürgerlichen Schulsysteme, wird im Stück doch mit viel Konstrukt und einer inzwischen berühmten Ringparabel die Toleranz als heilige Pflicht des Humanismus propagiert – ein Anspruch an die Menschen, der bei Preuss‘ Inszenierung ziemlich unter die Räder gerät. Denn so einfach ist das mit der Toleranz nicht, insbesondere wenn es um die Religion geht – und um die Alleinherrschaftsansprüche, die von Seiten der Gläubigen und spirituellen Wortführer allzu oft an sie gestellt werden und in Folge nach außen hin verteidigt werden müssen.

Das, was im Theater an der Ruhr im unschuldig weißen Kubus verhandelt wird, könnte man locker auch als quälende Dauer-Provokation begreifen, und die beginnt schon während noch das Publikum seine nummerierten Plätze sucht. Die Maskenbildnerin liegt in den letzten Zügen und geht dann ab. Die bärtigen Protagonisten der drei rivalisierenden Kräfte um ein und denselben Gott machen noch ein paar Dehnübungen. Ein schneller Schluck aus der Wasserflasche und dann geht’s rund um den rechten Glauben und natürlich um Macht, Einfluss und die Weiber. Religion war immer und ist immer noch eine Macho-Zone, Zonenrandgebiete sind da (auf ewig) ausgeschlossen. Preuss hintergeht das lässig, in dem er die ein wenig an (anthropologisch falsche) Neandertalertypen erinnernden patriarchalen Religionsvertreter mit drei überaus spielfreudigen Frauen (Sarah Moeschler, Gabriella Weber, Berit Vander) besetzt, die, nachdem sie sich in „Männer“ verwandelt haben, stereotyp posierend die Bühne beherrschen, während sie ihre jeweilige Sicht auf die eine Wahrheit mit einem Dauerbeschuss von heiligen Zitaten legitimieren wollen und müssen.

Das Stück spielt in Jerusalem. Hier treffen die, ich zitiere mal den Regisseur, fundamental gläubigen Apokalyptiker aufeinander. Am Ende gibt es noch einen terroristischen Anschlag, der die drei niederstreckt, sie aber dennoch immer schwächer werdend Auszüge aus den „311 Gottesdefinitionen“ von Valére Novarina deklamieren lässt. Eine zusätzliche Qualität erhält der Abend mit seinen drei Bildern durch den Choreografen Nir de Volff, der mit den Schauspielerinnen das Gestische der drei religiösen rituellen Praktiken in einen Kontext zu den Texten transformierte. Fast tänzerisch überblenden die bewegten Bilder die fundamentalistische Symbolik, zeigen Gemeinsamkeiten, aber auch Konfliktbewältigung auf. Insbesondere dann, wenn sich jeder/jede mit seiner/ihrer donnernden Blechtafel Gehör verschaffen will. Im Gedächtnis bleibt ein fordernder Abend mit ungewöhnlichen Sichtachsen.

PETER ORTMANN

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