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„Subcutis“
Foto: Martin Rottenkolber

Brautkleid aus reinster Haut

02. Januar 2024

„Subcutis“ in Mülheim a. d. Ruhr und Köln – Theater Ruhr 01/24

Der Mensch lebt in gespannten Zeiten. Wir drehen uns nicht um die eigene Achse, sondern um die eigenen Risse. Risse im Kopf, im Herz und selbstverständlich in der Haut. Es ziehen sich die Freiheitsstrafen in den sorgsam zugeteilten Einzelzellen, bis neue Lücken im steinernen Meisterwerk der Unschuld aufbrechen. Neuer Raum für Einsen und Nullen, Input/Output, Ja/Nein. Aber nur für kurze Intervalle. Denn die Fluchtlöcher müssen zum Wohle und zur ästhetischen Beruhigung der verwirrten Gesellschaft gestopft, geglättet, schnellstmöglich wieder verschlossen werden. Die Gefahr einer übergreifenden Angst vor elementaren Wahrheiten wäre schlicht zu hoch. Unverantwortbar.

Auf diesen Gedanken beziehen sich vielleicht auch Jörg Fürst und sein A.Tonal.Theater-Ensemble: Die neue Inszenierung „Subcutis“ beginnt mit von einer flexiblen Leinwand eingeschlossenen Körpern, die nach draußen drängen. Ein erster Austausch zwischen den Phantomen hinter und vor der Bühne der Alten Feuerwache in Köln, dem in den nächsten 60 Minuten noch viele intensive Augenblicke folgen sollen. Wahrlich hautnah kommen sich Besucher:innen und Darsteller:innen in Fürsts multimedialem Stück, das sich vordergründig mit dem größten menschlichen Organ beschäftigt. „Subcutis“ ist zugleich Ballet, Pantomime, Konzert, Videoschau, Feier des Lebens, aufwühlendes Streitgespräch und damit natürlich Theater im besten Sinne. Dabei wird nicht nur die Tinte unter der Haut zum Kunstobjekt, auch Chips, mit denen Einkäufe bezahlt oder die Wohnungstür geöffnet werden, sind im höchsten Maße künstlich. Gut meint es der Fortschritt zudem mittels Präparaten, die schlaffes Gewebe wieder aufpumpen und den zu Unrecht unglücklich Gealterten ein paar Stunden mehr Unsterblichkeit anbieten. Das generationenübergreifende Event mit Profischauspieler:innen, Laien sowie Musiker:innen vereinigt gegenwartsbezogene Konsumkritik, Utopien und Dystopien eines Daseins, das längst nicht mehr gott-, sondern menschengemacht ist. So reicht die Wirkmacht des Stücks weit über die Haut hinaus, die Knochen, Muskeln, Venen und andere Organe wie ein einstmals reines Brautkleid zugleich schützend und träumend umfasst. Als Auftakt eines mehrjährigen Projekts zeichnet „Subcutis“ vorsichtig erste Schnittstellen auf einen Körperatlas, der zum Entdecken einlädt.  

Subcutis | Theater an der Ruhr, Mülheim a. d. Ruhr | 19., 20.1. je 19.30 Uhr, 21.1. 16 Uhr | Alte Feuerwache Köln | 1., 2., 3.2. je 20 Uhr, 4.2. 18 Uhr

Thomas Dahl

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