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Foto: Franziska Götzen

Von Sophokles zu Frontex

10. Februar 2021

„Antigone. Ein Requiem“ im Theater an der Ruhr in Mülheim – Bühne 02/21

Was Menschen von allen anderen Spezies unterscheidet ist die Art, wie wir mit unseren Verstorbenen umgehen. Tiere trauern auch, aber die menschliche Bestattungskultur ist einzigartig. Frühsten Schätzungen zufolge beerdigt Homo Sapiens seine Toten schon, seit er vor 300.000 Jahren auf der Bildfläche erschien. Damals wie heute hilft das Ritual einer Bestattung besonders den Hinterbliebenen dabei, Abschied zu nehmen, den Verlust zu realisieren und doch an den oder die Verstorbene/n zu erinnern. Wie wichtig eine würdige Beisetzungsein kann, davon erzählt auch Sophokles in seinem antiken Epos Antigone: Der Tyrann Kreon von Theben verbietet Antigone darin die Bestattung ihres Bruder Polyneikes, weil der in einem Angriffskrieg gegen Theben gefallen ist. Antigone setzt sich darüber hinweg und wird zur Strafe eingemauert, was ziemlich viele weitere Tode zur Folge hat.


Diesen Konflikt greift auch Thomas Köck mit seiner Bearbeitung des Stoffes in seinem Stück „Antigone. Ein Requiem“ auf. Im September 2020 feierte es unter der Regie von Simone Thoma am Theater an der Ruhr Premiere, nun kann es auf der Plattform Twitch live getreamt werden. Der antike Mythos spielt dabei keine Rolle. Es geht nicht um Königskinder, die in der heroischen Schlacht fallen. Die würdige Bestattung, für die Antigone (Dagmar Geppert) hier kämpft, ist die der namenlosen Opfer, die an den Stränden der westlichen Welt angespült werden und für die sich – im Tod wie im Leben – niemand verantwortlich fühlt. Fabio Menéndes ist ein aalglatter Kreon und Roberto Ciulli, selbst Regisseur, Gründer und Leiter des Theater an der Ruhr, hat einen Auftritt als Seher Teiresias. Simone Thoma und ihr Ensemble zeigen den Konflikt zwischen Humanität und politischem Kalkül auf, wo Idealismus der Seenotretter:innen mit dem bürokratischen Wahnsinn der Asylverfahren kollidiert. Wo weder der Toten gedacht noch den Lebenden mit Menschlichkeit und Mitgefühl geholfen wird zeigt sich, dass der Mensch noch in anderer Weise einzigartig ist. Und zwar in seiner Grausamkeit.

 

Antigone. Ein Requiem | 19.2. 19.30 Uhr (Stream) | Theater an der Ruhr

Maxi Braun

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