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Sven Schlötcke
Foto (Ausschnitt): Björn Stork

„Theater wieder als Ort einzigartiger Ereignisse etablieren“

25. Juli 2023

Dramaturg Sven Schlötcke übertiefgreifendeVeränderungen am Mülheimer Theater an der Ruhr – Premiere 08/23

Das 1980 gegründete Theater an der Ruhr hat sich von Anfang an auch als Ort des Experiments verstanden, um im künstlerischen Austausch, in der Ansprache des Publikums und in der internen Organisation eigene Wege zu gehen. Ein Gespräch über neue Arbeits- und Präsentationsformen zur neuen Saison, die unter der Überschrift „Rausch“ eröffnet.

trailer: Herr Schlötcke, die neue Spielzeit scheint unter Drogen zu stehen. Was müssen die Zuschauer denn vorher einwerfen?

Sven Schlötcke: Die Zuschauer:innen müssen gar nichts einwerfen, weil sie durch Kunst berauscht werden. Aber wir beschäftigen uns in erster Linie nicht mit Drogen, obwohl das natürlich eine Rolle spielt, wenn man sich mit dem Thema Rausch beschäftigt. Es geht eher um Fragen der Bewusstseinsveränderung. Welche Möglichkeiten haben wir, unser Bewusstsein zu verändern, wenn die rationalen Argumente keine wirklichen Veränderungen bewirken, wie z.B. bei unserem Verhältnis zur Natur? Das Thema liegt zudem sehr nah am kultischen Ursprung des Theaters. Auch das Theater in der Antike war in rauschhafte, mehrtägige Ereignisse eingebunden. Eine große Open-Air-Aufführung werden „Die Bakchen“ vom griechischen Dichter Euripides sein. Da bringt Dionysos, der Gott der Ekstase, des Rauschs und des Weins die Ordnung durcheinander. Der Staat in Form des Herrschers Pentheus, versucht mit aller Macht die Kontrolle zurückzugewinnen, obwohl selbst angezogen vom ekstatischen, wilden Treiben der Dionysos-Jünger. Es geht also hier auch um Kontrolle und Kontrollverlust, um Rausch als Widerstand und gewalttätige Entgrenzung. Das Thema ist eben nicht zu reduzieren auf Rausch, der durch die Einnahme von Substanzen erzeugt wird. Die Vielschichtigkeit und Ambivalenz ist das Schöne an dem deutschen Begriff Rausch, den es in anderen Sprachen mit dieser Bedeutungsfülle nicht gibt: beispielsweise Blutrausch, Kaufrausch oder Tanzrausch – Rauschwelten in denen wir leben.

Es geht auch um Kontrolle und Kontrollverlust“

Transzendente Erfahrungen, mit denen das Ich seine Grenzen überwindet. Und das im En-suite-Spielbetrieb?

Wir verstehen das nicht als En-suite-Spielbetrieb, sondern wir versuchen eine völlig neue forschende Arbeitsweise und Präsentationsform von Theater zu erproben. Für uns ist das inhaltliche und ästhetische Forschungsarbeit, die das ganze Theater einbezieht. Es geht um spielerische, lustvolle Vertiefungen eines Themas. Mit jeder neuen Ausgabe von „Rausch“ loten wir das weiter aus – es wird drei Rausch-Ereignisse 23/24 geben (August/September, November und März 2024). Dabei geht es uns auch darum, das Theater wieder als Ort einzigartiger, temporärer Ereignisse zu etablieren. Es wird stets wesentlich mehr zu erleben geben als eine Aufführung, umrahmt von Workshops. Da sind auch wunderbar leichte, durchaus humorvolle Angebote wie Lachyoga dabei, Konzerte, Lesungen, Expert:innengesprächen, ein Video-Parcours durch Park und Theater u.a. Wir beleuchten das Thema aus vielen Perspektiven und kreieren so sinnliche und multiperspektivische Gesamtereignisse. Einen En-suite-Spielbetrieb, der das bloße Abspielen einer Inszenierung in Serie meint, haben wir also eindeutig nicht vor.

Ästhetiken, die nicht beliebig nebeneinander stehen“

Welchen Vorteil bietet diese Spielinsel-Idee?

Das bietet sehr viele Vorteile. Zuerst geht es uns um die künstlerische Frage: Wie vertiefen wir uns in ein Thema so, dass das wirklich über ein Spielzeitmotto, also über Marketing hinausgeht. Wie können mehrere künstlerische Teams Bezüge zwischen ihren jeweiligen Einzelprojekten herstellen? Wie entwickeln wir künstlerische Formen und Ästhetiken am Theater an der Ruhr, die nicht beliebig und austauschbar nebeneinander stehen? Alle Mitarbeiter:innen arbeiten gemeinsam am Thema. Wir treffen uns z.B. regelmäßig mit Expert:innen und lernen gemeinsam. Wir erzeugen so eine große Konzentration und können uns in den Phasen zwischen den Inseln wirklich auf das Thema fokussieren. Es gibt auch andere, pragmatische Vorteile: Wir können ganz anders in dieser völlig veränderten medialen Landschaft kommunizieren, wo wir mit den begrenzten Ressourcen und Werbemöglichkeiten nicht mehr ausreichend vor- oder durchkommen können. Im Repertoire-System muss man die Ressourcen auf 11 Monate (!) im Jahr verteilen, wir nur noch auf drei.

Bedeutet die neue Bespielung auch, dass es keine Wiederaufnahmen gibt?

Erstmal gibt es keine Wiederaufnahmen. Es sei denn, es drängt sich so auf, dass man es unbedingt nochmal machen muss. Aber geplant ist das nicht. Wenn ich von Ereignishaftigkeit spreche, dann meine ich, dass Theater nicht dieselbe Warenförmigkeit haben sollte wie z.B. ein Kinobesuch. Ich geh dahin, trink vielleicht ‘ne Cola, nehme ein paar Chips mit, kuck mir den Film an und gehe nach Hause. Der Ritus, das Ereignis Theater muss nach meiner Auffassung darüber hinausgehen, wieder zum gemeinschaftsbildenden Ereignis werden – danach suchen wir. Ob das jetzt gleich im ersten Anlauf gelingt, weiß ich nicht. Aber es ist in gewisser Weise in die DNA des Theater an der Ruhr eingeschrieben, das in den 1980er Jahren schon mit strukturell anderen Ansätzen gestartet ist. Und in dieser Tradition sehen wir uns und probieren eben fürs 21. Jahrhundert was Neues aus.

Theater sollte nicht dieselbe Warenförmigkeit haben wie ein Kinobesuch“

Neun Premieren und ein reichhaltiges Rahmenprogramm – wie oft wechseln die Spielinseln?

Es gibt drei Spielinseln: im August/September, im November und im März 2024. Wir haben auch schon begonnen, für die darauffolgende Spielzeit über Themen nachzudenken. Zwischen diesen Ereignis-Inseln, lebt das Theater aber weiter: Wir setzen die Themenarbeit fokussiert fort, beziehen das Publikum mit bestimmten Formaten (z.B. gemeinsame Expert:innen-Gespräche) in diese Arbeit regelmäßig ein, um Teilhabe und Transparenz herzustellen. Zudem konzentrieren wir uns in den Zwischenphasen auf die stärker zielgruppenorientierten Projekte, die dann vermehrt gezeigt werden: Projekte für Kinder und Jugendliche, die internationalen Projekte-Reihen, wie Szene Istanbul oder auch unsere Projekte für arabischsprachiges Publikum, oder andere partizipative Bereiche, wie die VolXsbühne. Hier brauchen wir auch nichts mehr zu drucken, da diese Projektlinien direkt über Vermittler:innen mit den Publika kommunizieren. Insofern ist das Konzept auch noch nachhaltig.

Die Tanzprojekte scheinen sich etabliert zu haben. Das italienische Kollektiv Anagoor hat jetzt eine Dauerkarte?

Das drückt sich ja in Rausch 1 aus, dass es bestimmte Künstler:innen gibt, die zu unserem Ensemble gehören und die das Programm entscheidend mitgestalten. Dazu gehört an erster Stelle Philipp Preuss als Mitglied der künstlerischen Leitung, aber auch Anagoor, die Gruppe subbotnik, und weiterhin Roberto Ciulli. Keine zufällige Konstellation. Das Projekt „Bromio“ von Anagoor, die sonst ganz anderen Formen arbeiten, ist tatsächlich körperlicher, tänzerischer Natur. An dem Projekt sind Schauspieler:innen, Tänzer:innen, Tanzwütige und Bürger:innen beteiligt. Sie kreieren eine Art Bacchanal, ein sehr besonderes, rauschhaftes Happening.

Wenn man kein Risiko eingeht, entsteht Langeweile“

Es gibt keine Monotonie, wenn dasselbe Stück immer hintereinander gespielt wird?

Nein. Es gibt alleine im August-September vier Premieren, die alle einen inhaltlichen Zusammenhang haben und aufeinander Bezug nehmen. Langweilig wird es definitiv nicht!

Wie sehen die Schauspieler:innen die neue Struktur?

Für alle ist das ein Experiment, und wir gehen da mit großer Lust auf das Wagnis und mit Neugier heran. Sicherlich produziert das Unbekannte auch immer Ängste und Bedenken. Aber das Theater ist zuständig für Wagnisse. Das Risiko ist wesentlicher Teil künstlerischer Arbeit. Wenn man keins eingeht, entsteht Routine und Langeweile. 

Spielzeitstart: Rausch 1 | 18.8. 18:30 Uhr | Theater an der Ruhr, Mülheim | Infos: 0208 599 01 88

Interview: Peter Ortmann

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