So verschieden kann Kunst sein. Während sich im Museum Küppersmühle oben, im großen Saal des Neubaus Sigmar Polke (1941-2010) mit seinem Zyklus „Original und Fälschung“ in realistisch zitierender Malerei ironisch austobt, verströmt im Erdgeschoss der nur wenig früher geborene Raimund Girke (1930-2002) mit seinen gegenstandslosen Bildern eine Stille, die doch voller kontrollierter Leidenschaft ist. Mit den Händen greifbar wird das eine Jahrzehnt, welches die Geburtsjahre der beiden Künstler trennt. Den Unterschied machen die Kriegserfahrung und das Ringen um das Neue in der Kunst nach Ende des Zweiten Weltkrieges gegenüber den Wirtschaftswunderjahren als Vehikel.
Die Malerei konnte in den 1950er Jahren nicht weitermachen wie bisher, schon gar nicht gegenständlich abbilden. Dafür rückten ihre Bestandteile ins Zentrum künstlerischer Forschung: die Farbe auf dem Bildträger und das Verfahren des Auftrags durch den Künstler. In Deutschland führten derartige Überlegungen schließlich zur Gründung der Gruppe ZERO, die mit Metall, Licht, deren Schwingungen und im Verzicht auf Buntfarben jonglierte, sowie zur Richtung der informellen Malerei, bei welcher der kontrollierte Pinselstrich als individuelle Geste des Künstlers die Bildfläche füllt. Zwischen beiden Richtungen nun verhält sich die Malerei von Raimund Girke, der Professor an der Berliner Kunstakademie war und in Köln lebte. Es ist – nach vielen Jahren ohne eine Ausstellung im Ruhrgebiet und Rheinland – ein inspirierendes Erlebnis, endlich wieder eine Retrospektive seiner Kunst zu besuchen.
Aber Vorsicht, diese Gemälde sind sperrig und zeigen nichts außer Farbbewegungen, über- und nebeneinander geschichtet auf der Fläche. Nein, im Gegenteil, sie sind sinnlich, umschmeichelnd mit ihren breiten Farbstrichen, die noch jedes Pinselhaar erkennen lassen. Und dann wird, ganz ohne Intellekt und rein im Gucken beim Näherkommen und Abschreiten, deutlich, dass sie Emotionen wecken und zugleich meditativ sind und dass sie für Farbnuancen und das eigene Körpergefühl sensibilisieren, und wie unterschiedlich doch zwei Gemälde sind, die im ersten Augenblick fast gleich aussahen.
Girkes Kunst ist die feinsinnige Leistung, sich in die Farbe hinein und aus dieser heraus zu bewegen. Vor allem Blau ist – in Verbindung mit Schwarz oder mit Weiß – der Farbklang, in dem er nach informellen Anfängen zuhause ist. Und wie vielfältig, variabel kann der Pinselauftrag sein, die Richtung wechseln, fast räumlich in mehreren Schichten auseinanderstreben! Diese Malerei ist souverän und selbstbewusst und sie folgt dem Rhythmus des Körpers mit dem Maß der Armbewegungen und dem Atmen, wie Raimund Girke in Gesprächen im Kölner Atelier gesagt hat. Und: Wie wichtig doch das Gefühl des Schwimmens im Meer für ihn gewesen wäre und wie die jahrelange schwere Erkrankung als Zusammenwirken von spiritueller Leichtigkeit und körperlicher Schwere mitwirke … Girkes Malerei ist großzügig und ausgelassen, sie ist lakonisch und konzentriert und sie ist ungemein diszipliniert. Sie ist diskret ihren Betrachtern gegenüber und drängt sich selbst bei den größten Formaten nicht auf. Danke!
Raimund Girke – Klang der Stille | bis 26.6. | MKM Museum Küppersmühle Duisburg | 0203 30 19 48 11
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