Mit der Malerei ist es nicht so einfach. Die Ausstellungen stehen und fallen mit dem einströmenden Tageslicht, mit der Großzügigkeit der Säle, ihrer Höhe und Weite und der Struktur der Präsentation – und folglich bietet das Museum Küppersmühle für die großartige, sehr komplexe Malerei von Karin Kneffel ideale Voraussetzungen. Zu sehen ist eine Werkschau mit über 70 quer- und hochformatigen Gemälden seit Mitte der 1990er Jahre. Schon bei den frühen Bildern: Kneffels Malerei ist verführerisch und sinnlich und lässt doch den Blick abprallen. Ihre Bilder sind die Illusion plastischer Ereignisse und beharren zugleich darauf, Oberfläche zu sein.
Die international gefeierte Düsseldorfer Künstlerin stellt den Realismus in Frage, und was fotorealistisch anmutet, ist so ziemlich das Gegenteil davon. Dazu entnimmt sie ihre Sujets dem Vertraut-Heimischen, der Vergegenwärtigung von Vergangenheit und dem kulturellen Gedächtnis. Entgegen der Fokussierung des Vordergrunds mit einer unscharfen Ferne ist alles bei ihr gleichbehandelt, erst recht bei den Panoramaformaten von Innenräumen. Der Blick erfolgt durch Glasscheiben, wie in der Dämmerung. Teils sind die Scheiben, die auch von innen nach außen führen können, beschlagen, mit dem Finger ist ein kristallklarer Durchblick freigelegt. Faszinierend sind die riesigen Wassertropfen, die plastisch wie Bernstein oder Honig zu schweben scheinen, in denen sich das gegenüberliegende Motiv kopfstehend spiegelt.
Karin Kneffel wurde 1957 in Marl geboren, sie hat an der Kunstakademie Düsseldorf bei Gerhard Richter abgeschlossen und selbst als Professorin für Malerei in Bremen und München unterrichtet. Bekannt wurde sie zunächst mit kleinen, standardisierten Häuptern von Nutztieren und mit der monumentalen Darstellung von Obst, das, als Naturstück heute irgendwie verpönt, einem sinnlich entgegen ploppt. Anschließend wandte sie sich vor allem dem Interieur und den Ansichten profaner Wohnhäuser zu. Während sich diese Gebäude im Gewöhnlichen zum Unheimlichen hin aufladen, kennzeichnet die neueren Interieurs das Luxuriöse verwinkelter Spiegelkabinette. In den Sälen von Museen oder den Wohnzimmern, die sie anhand von Archivfotos oder eigenen Aufnahmen malerisch rekapituliert, befinden sich Gemälde und Skulpturen vor allem der Moderne.
Einzelne Gemälde zeigen die Häuser Lange und Esters in Krefeld oder die Glashalle des Skulpturenmuseums in Duisburg, umgeben von Reinigungskräften. Sehr schön ist nun in der Ausstellung in der Küppersmühle, dass zwei Museumsräume dasselbe Gemälde von Chagall zeigen, einmal um 180° gedreht – so wie Kneffel es dort gesehen hat. Weitere Bezugspunkte ihrer aktuellen Malerei sind Hollywood-Klassiker mit berühmten Hitchcock-Szenen: als Zitat selbst oder eingeblendet auf dem Fernsehschirm, der nun das Wohnzimmer erhellt. Kneffel fängt Atmosphären ein, die zwischen Identität und Distanz changieren. Erinnerung kehrt in der Gegenwart wieder, so wie die Prägungen, die wir ein Leben mit uns tragen. Wir sehen Räume, Häuser, Stillleben, sogar die Häupter mittelalterlicher Madonna-Skulpturen, wie wir sie noch nie empfunden haben: Wie gut, dass es diese Bilder gibt.
Karin Kneffel – Come in, look out | bis 1.9. | MKM Museum Küppersmühle in Duisburg | 0203 30 19 48 11
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