Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 1 2 3

12.549 Beiträge zu
3.783 Filmen im Forum

Michael Wolf, Bottrop-Ebel 1976
Foto: Michael Wolf/ Fotoarchiv Ruhr Museum, Essen

Einst in Ebel

24. April 2019

Michael Wolf in Bottrop – Ruhrkunst 05/19

Der Fotograf Michael Wolf hat eine besondere Gabe: Menschen lassen ihn ganz nah ran und rein in Küche und Krankenzimmer – laden ihn sogar zum 100. Geburtstag der Oma ein. Das war schon 1976 so, als Wolf (geb. 1954) noch bei dem Begründer der Subjektiven Fotografie Otto Steinert an der Essener Folkwangschule studierte. Auf der Suche nach dem passenden Sujet für seine soziologisch-dokumentarisch geprägte Abschlussarbeit über Lebensbedingungen in einer Bergmannssiedlung entdeckte der Münchner Bottrop-Ebel und begleitete ein Jahr lang den Alltag der Bewohner. Stadtteil Ebel, abgekapselt zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal, war eine Art Dorf: rund 80 Zechenhäuser aus dem 19. Jahrhundert, jeder kannte jeden, generationsübergreifend.

„Mensch, das ist doch Klaus!“, schallt es heute durch das Bottroper Museum, „und Herbert und Olga …“ Alteingesessene Ebeler tauchen vor Wolfs Fotos noch einmal ein in ihre kleine Welt vor 43 Jahren.

Feierabendbier in Ebel, Foto: Michael Wolf / Fotoarchiv Ruhr Museum, Essen

283 Aufnahmen hatte Wolf damals für seine Abschlussmappe zusammengestellt. Etwa 60 davon, ergänzt durch anonyme historische Bilder, wählte der in Hongkong lebende Fotograf, der erst journalistisch, nun als freier Fotokünstler weltweit Karriere machte, für die Ausstellung aus. Emotionale Fotografie in der Tradition von Henri Cartier-Bresson: auf der Jagd nach dem „entscheidenden Moment“. Das perfekte Bild – Wolf fand es beim Bierchen mit Jung und Alt am Kiosk, beim Angeln im Industriehafen, beim Apfelsinentanz im Partykeller, mitten in der Arbeiterküche, wo der Herr des Hauses sein Bad im Bottich nimmt.

Kleine Irritationen werden zu Eyecatchern: Personen, die scheinbar ins streng komponierte Motiv hineinlaufen, Perspektivlinien überschreiten wie die angeleinte Katze mit ihrem Herrchen oder die hinter der cool posierenden Mofagang ignorant vorbeieilende Frau. Fabrikarbeiterinnen schauen konzentriert auf ihrer Hände Arbeit; nur die eine Markante mit der wasserstoffblonden Bienenkorbfrisur greift seitwärts aufs Band. Eine Reihe blütenweiß gewaschener Unterhosen hängt auf der Wäscheleine vor finsterer Hauswand. Manchmal ganz schön trist, doch immer voller Atmosphäre und Nähe.

Eine Welt, die es so nicht mehr gibt, die man aber mit eigenen Erinnerungen füllen kann. Und die auch die berührt, die Herbert und Olga nicht kennen.

Bottrop-Ebel 76 | bis 19.5. | Josef Albers Museum Quadrat Bottrop | www.quadrat-bottrop.de

Claudia Heinrich

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Lisa Frankenstein

Lesen Sie dazu auch:

Das Besondere im Alltag
„Care-Arbeit“ in der Kunst im Josef Albers Museum

Duisburger Tristessen
Laurenz Berges in Bottrop – Ruhrkunst 03/20

Der feine Unterschied
Ulrich Erben in Bottrop – Ruhrkunst 08/19

Figur abstrakt
Fuchs, Matherly und Pils in Bottrop – Ruhrkunst 12/18

Der Weg zum Quadrat
Phänomenal: Josef Albers in der Villa Hügel in Essen – kunst & gut 09/18

Heute ein Mythos
„Die im Schatten leben“ vom Rottstr 5 Theater – das Besondere 07/18

Struktur in der Landschaft
Axel Hütte in Bottrop und Düsseldorf – Ruhrkunst 11/17

Räume im Raum
Tobias Pils im Josef Albers Museum Quadrat in Bottrop – kunst & gut 07/17

Die Lyrik der Alltäglichkeit
Der Fotograf Claus Goedicke zeitgleich in Bottrop und Bochum – Ruhrkunst 03/17

Farbe im Raum, auf der Fläche
Jerry Zeniuk im Josef Albers Museum Quadrat Bottrop – kunst & gut 11/16

Thema mit Variationen
Hubert Kiecol im Museum Quadrat in Bottrop – kunst & gut 08/16

Alltag, sachlich
Walker Evans in Bottrop – RuhrKunst 10/15

RuhrKunst.

Hier erscheint die Aufforderung!