Es ist einer der wenigen positiven Aspekte an diesem Abend: Einem Geflüchteten wird geholfen. Zumindest verspricht das Elke Münich, Sozialdezernentin der Stadt Oberhausen, als sie noch auf der Bühne sitzt und vom Schicksal des afghanischen Flüchtlings Said erfährt. „Seit August warten wir darauf, dass er seine Krankenversicherung erhält“, verrät seine Begleiterin in der Diskussion mit dem Publikum. Schon zweimal sei der Jugendliche in der Schule zusammengebrochen. Doch medizinische Versorgung ist ausgeblieben. Immerhin spricht Elke Münich eine konkrete Ansage ins Mikro: „Ich nehme ihn gerne mit. Damit wir da eine Lösung finden.“ Das Publikum applaudiert. Bierseliger Humanismus in der b.a.r. des Theater Oberhausen. Doch die Idee, anlässlich der Aufführung von Jelineks „Die Schutzbefohlenen“ eine Podiumsdiskussion zur Flüchtlingsthematik zu veranstalten, um auch über das Stück hinaus einen gesellschaftlichen Diskurs über das Thema anzuregen, überzeugte nicht alle ZuhörerInnen im Publikum restlos – vor allem die Lösungsansätze, sofern sie denn angekratzt wurden.
„Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall.“
Zweifel, ob es denn auch reicht, nur vereinzelt Geflüchteten zu helfen, kommen so im Laufe des Abends auch im Publikum auf: „Ich frage mich, warum so eine Veranstaltung notwendig ist, damit Sie sich um einen Einzelfall kümmern“, empört sich ein Jugendlicher in Richtung Sozialdezernentin Münich. „Warum gilt das nicht für alle? Denn da gibt es doch ganz viele, für die das nicht gilt. Diese Frage ist überhaupt noch nicht geklärt.“ Dem Oberhausener Chefdramaturgen Tilman Raabke, der durch den Abend moderierte, ging ein adäquates Goethe-Zitat über die Lippen: „Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall.“ Und in der Tat: Mehr als Hilfeleistungen für einzelne Flüchtlinge hatten die ExpertInnen aus Politik, Kultur oder von der Kirche an diesem Abend wirklich nicht anzubieten. Dass ein Zuhörer trotzdem die Podiumsdiskutanten fragten, wie sie denn gedenken, Jugendliche zu überzeugen, sich für Flüchtlinge zu engagieren, konnte Peter Carp, Intendant im Theater Oberhauen, nur polemisch wie treffend kontern: „Wenn Sie sich jetzt 1968 gefragt hätten, wie kann der Staat die Apo aufbauen, das wäre ein wenig grotesk gewesen.“ Der scharfsinnigste Satz an diesem Abend.
Individuelles Engagement im Vordergrund
Wie die konkrete Hilfe der Flüchtlinge untereinander aussehen kann, schildert dagegen Ezerdan Idrizi, gewählter Sprecher der Flüchtlinge aus der Weierstraße. So begleitet er andere Flüchtlinge im Alltag, übersetzt oder gibt Deutschnachhilfe. Auch ein Tag der offenen Tür wurde, wie er erzählt, organisiert: „Auch, um nur zu zeigen, wie wir wohnen und Vorurteile abzubauen.“ Momentan werden Spenden für einen Spielplatz gesammelt. Mögliches individuelles Engagement steht an diesem Abend im Vordergrund. Gesellschaftliche Lösungsansätze, um Fluchtursachen zu bekämpfen, werden nicht mehr angesprochen. Marc Bücker, Schulleiter des Hans Sachs Berufskollegs, der über die Integrationsarbeit in der Schule berichtet, bringt das ernüchternd auf den Punkt: „Das Leben kann nicht gerecht sein. Aber was wir erreichen können, ist jenen Leuten eine Chance geben, um sie in unser Wirtschaftssystem zu integrieren.“ Ein Jammer nur, dass dieses System die Flüchtlingslage verursacht. Bühnenreife Erkenntnisse im Theater Oberhausen.
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