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Maschinenhaus Festival
Foto: Heike Kandalowski

„Ein Festival ist ein Anstoß für das, was dann folgt“

27. Mai 2016

TOBOSOs „We have to laugh before midnight“ beim Maschinenhaus Festival – Premiere 06/16

Das Maschinenhaus in Essen bekommt sein eigenes Festival und lässt die freie Szene vom 30. Juni bis 3. Juli mit Tanz, Schauspiel, Jazz, Performance, Kindertheater und Videoinstallation zum Zuge kommen. Und mit Physical Theatre: TOBOSO ist mit „We have to laugh before midnight“ dabei, einer physisch-visuellen Stückentwicklung der Performer Moritz Fleiter und Fabian Sattler und Bühnenbildnerin Sandra Becker. Zu diesem Anlass plauderten wir mit Herrn Sattler.

trailer: Herr Sattler, soll man mit Konfetti Tote wieder lebendig machen?
Fabian Sattler: Ich glaube, dass Konfetti eigentlich ein schöner Gegenstand ist, den Toten zu begegnen. Weil es die Leichthaftigkeit und das Vergängliche des Todes in sich trägt. Aber auch den Grund zu feiern. Und gerade wenn jemand stirbt. Ich war längere Zeit mit Mexikanern in den USA unterwegs und dieser Día de los Muertos-Brauch ist einfach eine ganz andere Art, dem Tod zu begegnen, als wir Deutschen das gewohnt sind. Auch ich glaube, dass es schön ist, sich der Toten freudig zu erinnern und nicht darüber zu klagen.

Ist „We have to laugh before midnight“ nicht eher eine Allegorie auf eine Künstlerexistenz?

Fabian Sattler
Foto: Dominik Lenze

Zur Person

Fabian Sattler studierte zwischen 2001 und 2004 an der Folkwang Hochschule Schauspiel. Seitdem ist er als freischaffender Schauspieler und Regisseur tätig. Neben Produktionen als Schauspieler am Grillo-Theater Essen, dem Düsseldorfer Schauspielhaus, dem Theater Dortmund und in Hörspielen arbeitet er in freien Theaterproduktionen, die bei Festivals im In- und Ausland gastierten. 2009 inszenierte er mit „Unter der Gürtellinie“ erstmalig im Maschinenhaus. Er ist Mit-Initiator und Projektleiter des Folkwang Physical Theatre Festivals.


Das glaube ich auf keinen Fall. Ich glaube, die zugrunde liegende Überlegung, wie Lebenswege gegangen wurden und wo sich vielleicht eine Abbiegung ergeben hat, diese Möglichkeit trifft absolut jeden Menschen und hat gar nichts ausschließlich mit Künstlern zu tun. Die haben vielleicht das Glück, dass sie durch ihren Beruf ein wenig mehr reflektieren über das, wie ihr Leben oder andere Leben so verlaufen. Aber im Grunde steht jeder vor dieser Frage, was hab ich da jetzt gemacht, und soll das morgen so weitergehen, und was, wenn morgen Schluss wäre. Das betrifft vielleicht insbesondere auch andere, die das nicht hinterfragen, noch fast mehr als den Künstler.

Na ja, aber normale Menschen kann man mit Konfetti nicht wieder ins Leben zurückrufen.
Aber sie sollten genauso ihr Leben hinterfragen und den Weg einschlagen, der sie glücklich macht.

Aber bleiben dann nicht die Performer ohne Performatives, werden zum reinen Ritual?
Nein, gerade in dem performativen Moment auf der Bühne entkommt er ja der Routine. Gerade in der Produktion „We have to laugh before midnight“ steigen wir ständig aus der Handlung und sind als Performer fast privat eins zu eins da. Und wir brechen die Versuche, die Experimente auf der Bühne auch immer wieder ab, weil man sich als Darsteller auch immer fragen muss, ja, ich kann zwar in diese oder jene Hülle schlüpfen, und das mache ich dann ja auch ein Stückweit, aber dann muss ich genau das auch wieder befragen.

Wofür braucht man im Theater die Schublade Physical Theatre?
Um das Denken wieder frei zu kriegen. Das Theater bezieht sich eher nur auf einen Text, aber das Tanztheater hat es auch geschafft, sich zu etablieren und den Begriff wieder etwas größer zu fassen. Man muss da auch gar nicht scheu sein, dabei ist das auch nichts Neues. Es hat sehr alte Wurzeln, mit dem Clown, mit dem Mimen, mit dem Objekttheater. Das macht aber das Feld auch ganz weit auf, scheut sich nicht, mit anderen Sparten zu kooperieren. Es ist oft sehr visuell, dieses physische Theater, und natürlich körperlich. Nicht der Gedanke ist der Ausgangspunkt der Recherche, sondern der Körper, das was unserem Körper eingeschrieben ist. Das Schöne ist – und das hat die Erfahrung gezeigt, auch mit dem Festival, das wir hier machen – dass es sehr breit ein Publikum anspricht. Weil es kein intellektuell verbrämtes Theater ist, sondern ein sehr offenes.

Also kriegt die freie Szene jetzt auch die Festivalitis?
Das ist eine sehr gute Frage. Es ist immer auch der Wunsch, gesehen zu werden. Die Erfahrung hat auch hier gezeigt, dass man natürlich eine größere Aufmerksamkeit bekommt, wenn man das Programm verdichtet. Das ist auch leichter, als nur immer in der einen Produktion, mit der einen Premiere wahrgenommen zu werden – und es bringt einfach die Leute besser zusammen. Die Künstler und die Zuschauer. Aber die Wunschvorstellung ist, dass ein Festival ein Anstoß ist, für das, was dann folgt.

Warum sucht das Maschinenhaus Essen dabei insbesondere das lokale Umfeld?
Ich glaube, das Maschinenhaus hat sich in erster Linie jetzt mal Essener Künstlern verschrieben, weil es denen nicht gut geht. Weil es hier nicht viele Einrichtungen gibt, wo Künstler andocken können. Das war ein Wunsch, denen in ihrem Zuhause eine Möglichkeit zu geben. Klar ist aber auch, dass jegliche Kooperation oder auch jede Kompanie, die hier arbeitet, nicht rein aus Essener Künstlern besteht. So wird in diesem Jahr beispielsweise noch eine Düsseldorfer Künstlerin hier arbeiten, wir sind da nicht beschränkt. Aber es ist ein Anliegen zu sagen, bleibt doch in Essen. Das ist doch hier für euch ein Zuhause. Es ist natürlich auch ein praktischer Grund, dass auch mehr Publikum kommt, wenn Essener Künstler hier arbeiten, und es ist natürlich keine künstlerische Beschneidung.

Hat denn das regionale Kulturbewusstsein gelitten?
Ich glaube, das Konkurrenzdenken, obwohl das eigentlich im Kunstbegriff völlig fehl am Platz ist, ist größer geworden. Deshalb versucht man eher, sich abzugrenzen und hinter Mauern zurückzuziehen. Ich glaube, dass auch viele denken, dass es ja eine regionale Kulturförderung und Kooperationsförderungen gibt, und da sind wir mal clever, vielleicht können wir nochmal einen Topf abgreifen und deshalb spielen wir auch noch einmal in Dortmund oder so, aber es ist aber kein geöffneter Blick fürs Regionale da, das glaube ich schon.

Maschinenhaus Festival | 30.6.-3.7. | Zeche Carl, Essen | www.maschinenhaus-essen.de

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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