Es ist nicht leicht, das Dokumentarische in Kunst zu verwandeln. Schon gar nicht, wenn kriegerische Auseinandersetzungen die Basis dafür bilden sollen. Zwei Künstlerinnen haben jetzt in der Situation Kunst, der Kunstsammlung der Ruhr-Universität-Bochum, den Versuch unternommen, dieses Problem mit Hilfe von Fotografie und einer Videoinstallation zu lösen.
Dabei kommt eine der beiden, die in München lebende Monika Huber, eigentlich von der abstrakten Malerei, beschäftigte sich mit architektonischen Strukturen. Dann entdeckte die Frühtrunk-Schülerin die Fotografie für sich und die Fernsehbilder. Im ersten Stock des KUBUS hängen an den Wänden ringsherum Überarbeitungen von Aufnahmen, die sie während laufender Berichterstattung von den weltweiten Krisenherden vom TV abgelichtet hat. Einem Nachrichtenstandard entsprechend heißt die fortlaufende Serie „Einsdreißig“ (2011-2012). Huber sichtet das so entstandene Material, sucht die Bildausschnitte, druckt sie aus. Dann zieht sie in der Badewanne die Farbe aus den Aufnahmen. Es entstehen „Screenshots“, die spärlich übermalt, ihren Kontext von Ort, Zeit und Konflikt verloren haben, dem Besucher die freie Assoziation überlassen, was er zu sehen bereit ist. Die Abstraktion, die aus dem Fragmentarischen entstanden ist, führt letztlich zu einer Auseinandersetzung mit dem Wesen von Konflikten, die ihrer Ursache beraubt, nicht nur ihren medialen Wahrheitsgehalt verlieren, sondern auch wider Erwarten einen überaus ästhetischen Rahmen generieren.
Ähnlich geht Ingeborg Lüscher vor, deren Abstraktion von Gewalt daraus resultiert, dass sie die Angehörigen von Kriegsopfern ohne nähere private Kennzeichnung in einem Video-Triptychon in ihrer Trauer portraitiert. Die Künstlerin, die erst 1999 ihre erste Videoarbeit auf der Biennale in Venedig präsentierte, hat dazu 15 Palästinenser und 14 Israelis getroffen und sie zu den thematischen Gedankenstützen 1. Denke, wer du bist, deinen Namen, deine Herkunft. 2. Denke, was die andere Seite dir angetan hat. 3. Denke, kannst du das vergeben? befragt. Die Fragen sind am Boden zu lesen, während die Resultate in den Gesichtern der Personen nacheinander projiziert werden. Es entsteht ein Raum der allgemeingültigen Trauer, die ohne Ton nur im Mienenspiel der Betroffenen abzulesen ist. Lüscher sagt, sie habe sich zu der Videoarbeit entschlossen, nachdem ihr eine Mutter, deren Sohn eines der Kriegsopfer war, sagte, dass man vergeben müsse, sonst könne man nicht weiterleben. Das Werk der gelernten Schauspielerin und künstlerischen Autodidaktin, die im Tessin lebt, ist geprägt von der Verwendung unkonventioneller Materialien, die auch auf ihre Fähigkeit hin befragt werden, Erinnerungen und Geschichte in sich zu speichern. Zu ihren ersten künstlerischen Objekten Ende der 1960er Jahren gehörten die sogenannten „Inboxen“. Das sind Kästen mit visualisierten mathematischen Reihen, die aufeinandergestapelt wurden, und deren Oberflächen sie mit Feuer veränderte. Danach kamen Objekte, die bereits ihre Form durch Feuereinwirkung verändert haben. Unmengen an Resten von Zigaretten oder Zigarren schüttete sie zusammen oder klebte sie geordnet zu „Stummelbildern“.
„fremdes sehen“ I bis 21. April I Situation Kunst, Bochum I 0234 298 89 01
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