Gritli Faulhaber ist konzeptionelle Malerin. Auf großen Leinwandtableaus versammelt sie stilisierte, figürlich gemalte Einzelbilder, oft zur Rolle der Frau und Künstlerin einst und jetzt. Diese Bildmontagen initiieren neue Zusammenhänge. Eine großformatige Werkreihe war auch für ihre erste institutionelle Einzelausstellung im NEK geplant, doch dazu kam es nicht: Die in Zürich arbeitende Künstlerin (geb. 1990) zeigt, nein, offenbart eine andere Seite ihres Lebens und Schaffens.
Wer durch die Schaufenster in den Ausstellungsraum blickt, ist zunächst schwer irritiert: Da zieht sich ein Band von 23 relativ kleinen Gemälden über drei Wände, die nichts zeigen als bunte Punkte: getupfte Kreisflächen in unterschiedlichen Farben, Größen, Anzahl, teilweise flächig mit milchigem Farbschleier übermalt. Ohne erkennbare Gestaltungsabsicht. Auch im Raum ist der künstlerische Wert ohne Kontext erst nicht auszumachen. Gritli Faulhaber, erfährt man von der Aufsicht oder einem Textblatt, leidet seit Jahren unter der Multisystemerkrankung ME/CFS, bekannt als Chronisches Fatigue-Syndrom, mit schubartig auftretenden massiven Entkräftungszuständen. Während der mitunter langanhaltenden Krankheitsschübe kann sie kaum den Pinsel halten und noch nicht einmal eine handhabbar kleine Leinwand grundieren. Doch gearbeitet werden muss, auch als stimmungsaufhellende Beschäftigungsstrategie. Der Werktitel „Militant Joy“ lässt dies erahnen: zornige Auflehnung und befriedigende Produktivität zugleich. Die Punkte erzählen von wechselnden Befindlichkeiten und Gemütslagen während der Produktion. Die Wahl der Farben, die Verteilung auf der Fläche, die Übermalungen – bei Betrachtung der gesamten Werkreihung in ihrer Unterschiedlichkeit entpuppt sich die absichtsvolle künstlerische Gestaltung.
Punkte-Bilder entstehen ausschließlich in Akutphasen. 66 datierte Werke sind es seit 2020 bislang, über 20 allein aus dem letzten Jahr. So ist – andererseits – die ausgestellte Auswahl auch als eine Art Öffentlichkeitsarbeit für die oft verkannte Erkrankung zu lesen. Die Ausstellung wird Statement, die Punkte sind Ausdruck von existenzieller Befindlichkeit und anrührende Konzeptkunst, die sich in Faulhabers Gesamtwerk einfügt. Um diese Ästhetik zu würdigen, ist Hintergrundwissen jedoch entscheidend.
Gritli Faulhaber: Militant Joy | bis 11.5. | Neuer Essener Kunstverein | 0176 2050 1184
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