Die Ausstellung behandelt mit Werken von über 20 Künstler:innen die Entwicklung der Computertechnologie im Betrieb Robotron in der ehemaligen DDR.
trailer: Frau Arns, ich habe den Großrechner R300 lange gesucht auf Werner Tübkes Wandbild. Hatte der damals noch eine Geheimhaltungsstufe?
Inke Arns: (Lacht) Nein, ich glaube nicht. Das ist die weißlich-helle Stelle im linken Teil des Gemäldes, die vielleicht ein bisschen überstrahlt ist. Der Rechner wirkt fast wie von göttlichem Licht erleuchtet. Wenn man genau hinschaut, sieht man die Magnetspulen und man sieht dann auch Figuren in klassischer Pose, die lange Lochkartenstreifen halten und sehr expressiv aussehen.
Hat damals der IT-Konzern IBM bei Robotron geklaut oder umgekehrt?
Ich vermute, dass Robotron eher bei IBM geklaut hat, denn da gab es schon lange den Mainframe-Rechner S/360. Da erinnere ich mich noch dran, mein Vater hat ja sein ganzes Leben bei IBM gearbeitet. Insofern habe ich meine ersten Zeichnungen auf Lochkarten gemacht. In der Ausstellung gibt es dazu eine echt abgefahrene Geschichte, die sich mit Wirtschaftsspionage beschäftigt. Die Künstlerin Antye Guenther beschäftigt sich in ihrer Arbeit „Operation Zwiebelmuster“ mit dem sogenannten „Toshiba-Skandal“. Die Stasi hatte den japanischen Hersteller Toshiba dazu gebracht, Pläne und Bauteile für Computerchips in die DDR zu schmuggeln. Damit wurde das damals geltende „CoCom-Embargo“ umgangen, das verhindern sollte, dass wichtige Computertechnologie in sozialistische Staaten gelangen. Die Toshiba-Manager ließen sich angeblich nicht nur mit viel Geld, sondern auch mit Meissener Porzellan bezahlen. In Antye Guenthers Arbeit wird ein Kaffeeservice zum geheimen Datenträger für hochsensible Informationen. Original-Stasiakten treffen auf fiktives Recherchematerial. Elemente der Chip-Baupläne erscheinen in der Glasur über dem Zwiebelmuster des Porzellans. Der HMKV wird also in diesem Teil der Ausstellung zu einem Porzellanladen. Und Antye Guenther wird darin eine Live-Performance zeigen!
Was ist in Dortmund sonst noch zu sehen?
Es wird eine große Bandbreite künstlerischerMedien zu sehen sein: Fotografien, Videos, skulpturale Arbeiten, Zeichnungen, Ölgemälde, Installationen. Einige der Arbeiten sind noch in der DDR entstanden. Die Ausstellung behandelt ein im Westen relativ unbekannt gebliebenes Kapitel ostdeutscher Industriegeschichte – und deshalb ist es mir wichtig, diese Ausstellung speziell auch im Ruhrgebiet zu zeigen. Insbesondere das Video „Buna eine Zeit“ ist hier zentral. Im Sommer 1988 kommt Tina Bara mit einer Gruppe von Künstler:innen in die Buna-Werke in Schkopau. Die Buna-Werke stellen „Plaste und Elaste“, also Kunststoffprodukte her – Vorstufen unter anderem für die Chipproduktion. Die Künstler:innen folgten einer Einladung des Verbands Bildender Künstler (VBK). Die Begegnung mit den Arbeiter:innen sollte deren Kunstschaffen fördern. Eigentlich sollte Bara die Künstler:innen porträtieren. Doch Bara gelingen Aufnahmen der Arbeitsumstände und der Umweltverschmutzung. Giftiger Karbidstaub bedeckt die Wände, Quecksilberkügelchen rollen über den Boden, schädliche Dämpfe dringen aus leckenden Rohren. Man nimmt ihr zwar den Fotoapparat ab, aber die Filme bringt sie aus dem Werk. Jetzt hat sie die Schwarz-Weiß-Fotos zu einem beeindruckenden Video verarbeitet – mir hat die Arbeit wirklich die Schuhe ausgezogen.
Mir ist natürlich klar, dass das Ende der Schwerindustrie im Ruhrgebiet andere Gründe hatte als in der ehemaligen DDR. Ich denke aber, dass die Erfahrungen, die die Menschen damit gemacht haben, ganz ähnliche sind. In der GfZK (Galerie für Zeitgenössische Kunst, d. Red.) in Leipzig kamen viele ehemalige Robotron-Mitarbeiter:innen in die Ausstellung, weil sie dachten, das sei eine kulturhistorische Ausstellung. Daraus entstanden spannende Diskussionen. Und ich bin gespannt, wie das Publikum in Dortmund auf die Ausstellung reagiert.
Kein Hoch auf den Sozialismus?
Nein. Was mich interessiert, ist die Tatsache, dass es auch in anderen sozialistischen Ländern spannende Computerentwicklungen gab, die heutzutage gar nicht mehr bekannt sind – weil es halt auch Sackgassen waren. Zum Beispiel gab es in der Sowjetunion, so unglaublich das klingt, einen ternären Computer, also einen, der nicht nur mit 0 und 1 arbeitete, sondern mit 0, 1 und minus 1, das war der Setun Computer. Vielleicht wäre der real existierende Sozialismus ‚erfolgreicher‘ gewesen, wenn sich die Planwirtschaft auf KI hätte stützen können. Wer weiß? Ich fände es toll, wenn die Besucher:innen aus der Ausstellung die Idee mitnähmen, dass Technologie, so wie wir sie heute kennen, nur eine Möglichkeit von vielen ist. Dass man Technologie eben auch radikal anders denken kann.
Margret Hoppe, Leben im Sozialismus – Datenverarbeitung, VEB Robotron, 2012Welche Dramaturgie für die Besucher:innen benötigt man für eine Mischung aus Kunst, Computertechnologie und theoretischen Wirtschaftsfragen?
Durch die gesamte Ausstellung zieht sich ein spannender Text-Bild-Essay, der auch die Geschichte von Robotron im Kontext der weltwirtschaftlichen Entwicklungen zeigt. Jan Wenzel hat ihn verfasst. Er ist einer der Herausgeber von Spector Books, ein Partner in dem Projekt, bei denen auch die Publikation erscheint. Die knappen Kapiteltexte holen einen ganz gut ab, nehmen einen mit und kontextualisieren die künstlerischen Arbeiten.
Der Titel „Arbeiterklasse und Intelligenz“ …
(Lacht) Ich wusste, dass die Frage kommen würde.
Es gab also schon in der ehemaligen DDR zwei sich ausschließende Gesellschaftsschichten. Aber die Arbeiter waren dumm?
Wer sagt denn das? Es heißt ja nicht „Arbeiterklasse oder Intelligenz“. Unser Untertitel „Arbeiterklasse und Intelligenz“ zitiert den Titel eines riesigen, 13 m breiten Wandgemäldes, das der ostdeutsche Maler Werner Tübke im Auftrag der SED 1973 für das Rechenzentrum der Uni Leipzig gemalt hat. Tübke hatte den Auftrag darzustellen, wie super die Arbeiterklasse und die Klasse der „Intelligenzia“ zusammengehen. Das war natürlich mehr Wunschdenken als Realität. Wir zeigen in Dortmund die fünf Meter breite Ölvorskizze des monumentalen Wandgemäldes. Sie wird sehr selten gezeigt. Ich rede nicht nur deswegen gerne über diese Ausstellung, sondern auch, weil es mir Spaß macht, den heute etwas aus der Mode gekommenen Begriff der „Arbeiterklasse“ hier und da zu droppen. Und dann die Reaktionen zu beobachten.
Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz | 14.3. - 26.7. | HMKV, Dortmunder U, Ebene 3 | 0231 502 47 23
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Solare Kräfte
„Genossin Sonne“ im Dortmunder U – Ruhrkunst 10/25
„Alle Intelligenz ist künstlich“
Co-Kurator Tom McCarthy über die Ausstellung „Holding Pattern“ im Dortmunder HMKV – Sammlung 03/25
Hinter Samtvorhängen
Silke Schönfeld im Dortmunder U – Ruhrkunst 11/24
Utopie und Verwüstung
„The Paradise Machine“ in Dortmund – Ruhrkunst 04/24
„KI erlaubt uns einen Einblick in ein kollektives Unbewusstes“
Kuratorin Inke Arns über Niklas Goldbachs „The Paradise Machine“ im Dortmunder HMKV – Sammlung 03/24
Was uns die Algen singen
Stolzer & Rütten im Dortmunder U – Ruhrkunst 05/23
„Bakterien passen sich schneller an neue Umgebungssitationen an“
Kuratorin Inke Arns über die neue Ausstellung des HMKV im Dortmunder U – Sammlung 03/23
Keine Angst vor dem Mähroboter
„House of Mirrors“ im HMKV im Dortmunder U – Kunstwandel 05/22
Transformation der Moderne
„Technoschamanismus“ im Dortmunder U – Kunstwandel 12/21
Manchmal mussten die IMs selber ran
„Artists & Agents“ im Dortmunder HMKV – Kunstwandel 02/20
HAL 9000 ist eigentlich weiblich
Wilde „Computer Grrrls“ im Dortmunder HMKV – Kunstwandel 02/19
„Die Digitalisierung verstärkt die Vorurteile“
Inke Arns über ihre Ausstellung „Computer Grrrls“ im HMKV – Sammlung 11/18
„Sie wollten Kunst für alle machen“
Kuratorin Sarah Hülsewig über „German Pop Art“ in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen – Sammlung 02/26
„Die Guerrilla Girls sind mit der Zeit gegangen“
Kuratorin Nicole Grothe über die Ausstellung der Guerilla Girls im Dortmunder Museum Ostwall – Sammlung 01/26
„Konventionen über Bord werfen“
Co-Kuratorin Kerstin Meincke über „Germaine Krull: Chien Fou“ im Essener Museum Folkwang – Sammlung 12/25
„Bei Fluxus ging es nicht ums Genie“
Direktorin Julia Lerch Zajączkowska über „How We Met“ im Kunstmuseum Bochum – Sammlung 11/25
„Absurd und bewusst irritierend“
Kuratorin Inke Arns über „Genossin Sonne“ im Dortmunder HMKV – Sammlung 09/25
„Er fragt auch nach den Bezügen zu Europa“
Kurator Tobias Burg über „William Kentridge. Listen to the Echo“ im Essener Museum Folkwang – Sammlung 08/25
„Auch mal am Tresen entstanden“
Leiterin Christine Vogt über die Ausstellung zu Udo Lindenberg in der Ludwiggalerie Oberhausen – Sammlung 07/25
„Der Beton ist natürlich sehr dominant“
Die Kurator:innen Gertrud Peters und Johannes Raumann zu „Human Work“ in Düsseldorf – Sammlung 07/25
„Moderne Technologien werden immer relevanter“
Die Leiterin der Kunstvermittlung des ZfIL Unna, Christiane Hahn, über die neue Jahresausstellung – Sammlung 06/25
„Der Zweifel ist wach zu halten“
Direktor Nico Anklam über die Ausstellung der Ruhrfestspiele 2025 in der Kunsthalle Recklinghausen – Sammlung 05/25
„Was Handwerk und was Kunst ist“
Co-Kurator Markus Heinzelmann über „Das halbe Leben“ im Bochumer Museum unter Tage – Sammlung 04/25
„Sie hatte ihren eigenen Blick auf die Arbeitswelt“
Fotohistorikerin Stefanie Grebe über die Ausstellung zu Ruth Hallensleben in Essen – Sammlung 02/25