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Christine Vogt und Udo Lindenberg
Foto: Tine Acke

„Sie pendelte zwischen den Extremen“

26. März 2026

Kuratorin Christine Vogt über die Ausstellung „Anja Niedringhaus“ in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen – Sammlung 04/26

Vor über zehn Jahren wurde die Fotoreporterin Anja Niedringhaus in Afghanistan als Wahlberichterstatterin für die amerikanische Associated Press (AP) ermordet. Die neue Ausstellung zeigt ihr Gesamtwerk.

trailer: Frau Vogt, sie wurde beschossen, mit Granaten beworfen, von NATO Fliegern bombardiert. Sie bekam den Pulitzer-Preis, den Courage in Journalism-Award und 2008 die Goldene Feder für herausragende Reportagen. Dann wurde Anja Niedringhaus ermordet. War es das tatsächlich wert?

Christine Vogt: Diese Frage kann ich nur schwer beantworten, ich kannte sie ja nicht persönlich. Aber in Fernsehinterviews erlebt man sie auch als Person. Ich mache diese Ausstellung zusammen mit ihrer Schwester Gide, habe da also nahen familiären Kontakt und ich glaube, für Anja ist einfach dieses „ich muss da hin“, „ich muss das berichten“, „ich muss der Welt mitteilen, was da passiert“, „ich muss den Menschen eine Stimme geben“ unglaublich wichtig gewesen. Sie hat sich nicht vorsätzlich der Gefahr ausgesetzt. Aber wenn man überlegt, wie oft sie schon unter Beschuss war schon bei ihrem ersten Aufenthalt in Sarajevo ist sie von so einem Sniper beschossen worden. Da hatte sie Glück, dass sie eine Schutzweste anhatte. Als sie dann umgekommen ist, das war ja eigentlich ein ganz ungefährlicher Einsatz, es ging da nur um die Überprüfung der Präsidentschaftswahl in Afghanistan. Das ist erst mal irgendwie komisch, aber ich glaube, sie hat die Gefahr für sich anders gesehen und hat das einfach als eine wichtige Aufgabe in ihrem Leben gesehen.

Ihre Arbeit war unendlich wichtig, die Bilder pendeln zwischen einem gefakten Truthahn von George W. Busch und der Wahrheit über einen von Deutschland bombardierten Tanklastwagen. Ist das alles in Oberhausen zu sehen?

Ja.

Was ist noch zu sehen?

Es ist das Gesamtwerk mit der ganzen Bandbreite zu sehen. Wir zeigen auch ein paar frühe Arbeiten, die noch nicht gezeigt wurden, ebenso Fotos, wie sie hier früher in Deutschland auf einem Gutshof gelebt hat. Sie pendelte also zwischen den Extremen in den Krisengebieten und der hessischen Idyllen in so einem ehemaligen Forstamt. Das zeigt die Ausstellung eben auch neben der gesamten Bandbreite der Einsätze. Sie hat schon für die Höxter Zeitung und das Göttinger Tageblatt gearbeitet als sie dortGermanistik, Philosophie und Journalismusstudiert hat. Danach geht sie in den Balkankrieg, geht nach Bosnien und ist ja lange in Sarajevo, auch davon gibt es Bilder. Sehr umfangreich zeigen wir natürlich ihre Fotografien über den Irakkrieg und Afghanistan. Aber wir zeigen auch breit ausgebreitet ihre Arbeit als Sportfotografin. Das ist aus meiner Sicht noch was, wo man echt entdecken kann, was für ein unfassbares Mehrfach-Talent diese Anja Niedringhaus ist und was sie für unfassbar gute Sportfotos gemacht hat, die ja eine andere Voraussetzung brauchen, als in Krisengebieten zu arbeiten.

Olympiade und Wimbledon. War das ein Ausgleich für sie oder nur schnöde Auftragsarbeit?

Ja, das war ihr wichtig. Sie hat immer sehr um ihre Aufträge gekämpft und immer dafür gesorgt, dass sie kriegte, was sie machen wollte. Diese Sportfotografie hat sie selber als Ausgleich bezeichnet. Aber sie hatte auch Vorlieben. Tennis zum Beispiel, wobei ihre Schwester Gide gesagt hat, dass sie von dem Sport selber gar keine Ahnung gehabt hätte.

Ob er überhaupt noch lebt? Afghanischer Junge mit Spielzeugwaffe in Kabul (Sept. 2009) © picture alliance, AP, Anja Niedringhaus

Kommen wir nochmal zurück zum bombardierten Tanklastwagen, den zu vertuschen selbst die Bundesregierung versucht hat. Trotzdem kriegt sie eine goldene Feder?

Das sind jetzt diese großen politischen Fragen, die wir ehrlich gesagt in der Ausstellung nicht beantworten. Wir kümmern uns zuerst um die Bilder, gerade wenn man so eine Fotografin wie Anja Niedringhaus hat. Bisher sind ihre Ausstellungen immer sehr stark auf diese Kriegshandlungen und Kriegsgebiete ausgerichtet gewesen. Wir arbeiten da ein bisschen anders. Ich bin Kunsthistorikerin, meine Expertise ist das Bild und ich habe ein bisschen mehr auf die Bildanalyse geschaut. Was macht sie eigentlich? Was macht ihre Bilder so besonders? Warum sind wir so fasziniert von dem, wie sie das eben gerade rüberbringt? Wie verändert sich das vielleicht auch über die Jahre? Wie verändert sich das auch ein bisschen durch die Technik, denn um 2000 steigt sie aufs Digitale um. Es ist also keine politische, sondern eine Fotografie-Ausstellung.

Die hat aber durch die Entwicklung im Nahen Osten sicher eine neue Dynamik bekommen?

Ganz schrecklich. Wenn man diese Ausstellung vor zehn Jahren gemacht hätte, hätte man einen anderen Blick darauf gehabt als jetzt. Wo man aktuell den Eindruck hat, der Krieg tobt überall. Und diese Bilder, wenn man sich das anschaut, was das für die Soldaten bedeutet, was für die Zivilbevölkerung, was das für alle bedeutet.

Wie vermittelt man eine solche Ausstellung an das Publikum?

Also ich persönlich glaube, dass sich das ein Stück weit selber vermittelt, weil diese Fotos einfach so eindringlich sind. Sie ist keine Fotografin, die extreme Schockbilder macht und sie ist auch keine so genannte Bang Bang-Fotografin, die nur Männer mit Maschinengewehren ablichtet, die irgendwie rumballern. Sie ist eben eine große Menschenfreundin und das in alle Richtungen. Sie zeigt die Menschen vor Ort – sowohl die Zivilbevölkerung, die Frauen, Männer und Kinder, die Alten, aber eben auch die Soldaten. Und das sehr, sehr eindringlich und das ist nicht etwas, was abstrakt und weit weg ist. Ich glaube, dass das Publikum einfach auch honorieren wird, dass das wirklich, wirklich gute Fotos sind.

Anja Niedringhaus – An vorderster Front | 10.5. bis 13.9. | Ludwiggalerie Schloss Oberhausen | 0208 412 49 28

Interview: Peter Ortmann

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