Die Deutsche Pop-Art übte Gesellschaftskritik, etwa am Vietnamkrieg und an der deutschen Vergangenheitsbewältigung. Die Ludwiggalerie zeigt die Sammlung Heinz Beck.
trailer: Frau Hülsewig, ich muss in Deutschland immer an Pop-Art denken, wenn ich an den Deko-Würfeln von Otmar Alt an der A2 vorbeifahre. Ist das überhaupt Pop-Art?
Sarah Hülsewig: Ja, das kann man auch als Pop-Art bezeichnen. Aber die Kunstwerke, die wir hier in der Ausstellung als German Pop Art zeigen werden, beziehen sich vorrangig auf die Jahre 1963 bis 1975.

Was wird denn in Oberhausen zu sehen sein?
Es wird eine große Auswahl an Grafiken und Objekten von über 40 Künstlerinnen und Künstlern aus der Sammlung Beck zu sehen sein, die in Ludwigshafen im Wilhelm-Hack-Museum beheimatet ist. Es handelt sich um Auflagenwerke und Multiples. Das Ganze wird noch ergänzt durch eine Auswahl aus unserem Sammlungsbestand und eine Skulpturengruppe aus dem Ludwig Forum in Aachen.
Darunter aber nicht zufällig auch das damals von der Staatsmacht verfolgte „Deutsche Notstandsschwein“ von Alvermann, oder?
Doch, natürlich ist das dabei.
Die Vorreiter waren Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Robert Rauschenberg; Vostell war wie bspw. auch Beuys eher Fluxus. Wird heute der Begriff Pop-Art für die 1960er und 70er nicht ein bisschen gedehnt?
Die Künstlerinnen und Künstler der deutschen Pop-Art sind nicht so einfach auf einen Nenner zu bringen. Deshalb zeigen wir auch so eine große Auswahl an Künstlerinnen und Künstlern. Sie kommen aus verschiedenen künstlerischen Strömungen, haben sich aber teilweise für eine gewisse Zeit zusammengefunden und gemeinsam mit den Ideen der Pop-Art, angelehnt an die amerikanischen und britischen Vorbilder, gearbeitet. Diese Ideen wurden von ihnen aber in den Kontext der deutschen Zeitgeschichte gesetzt.
Welche Künstler sind vorrangig in der Ausstellung zu sehen?
Also vorrangig würde ich nicht sagen. Aber wenn Sie jetzt große Namen hören möchten, dann sind das natürlich Joseph Beuys, Gerhard Richter, Sigmar Polke und Konrad Klapheck.
Wo liegt die Grenze zwischen dekorativem Allerlei und eigenständigen Kunstwerken der deutschen Pop-Art?
Die deutschen Künstler sind mit einer ganz anderen Intention an die Pop-Art herangegangen. Sie wollten zwar ähnlich wie ihre Kollegen im angloamerikanischen Raum massenhaft Kunstwerke herstellen, sie wollten Kunst für alle machen. Wenn Sie sich dann aber die Motive anschauen, sind die keineswegs so dekorativ wie die eines Roy Lichtenstein, sondern sie sind durchaus provokativ und nehmen Bezug auf die Zeitgeschichte, in der sie entstanden sind. Diese Kunstwerke üben vor allem Kritik und wollen die Gesellschaft aufrütteln.
Da muss man sicher den Zuschauern, die sich die Ausstellung anschauen, Begrifflichkeiten wie Kapitalistischer Realismus erklären.
Da gehe ich von aus, der Kapitalistische Realismus mag gar nicht so bekannt sein – dabei ist er zusammen mit dem Quibb-Manifest der Ursprung der deutschen Pop-Art. Die Künstler des Kapitalistischen Realismus, Kuttner, Lueg, Richter und Polke, haben sich damals selbst als Pop-Artisten bezeichnet.
Damit sind sie natürlich auch relativ schnell bekannt und teuer geworden.
Das ist richtig. Das ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet die, die Kunst für alle machen wollten, am Ende diese Preise auf dem Kunstmarkt erzielen.
Die Druckschwemme von damals hatte gar nichts mit radikaler Demokratisierung von Kunst zu tun, sondern eher mit der Aufwertung von Originalen, oder?
Die Intention von Pop-Art im Allgemeinen war die Demokratisierung von Kunst, der Originalitätscharakter wurde durch die Massenproduktion eher hinterfragt. Bei der deutschen Pop-Art ist es aber so, dass die Kunstwerke zur Entstehungszeit kaum bekannt gewesen sind. Ich glaube, dass wir hier in Oberhausen mit der Ausstellung auch ein paar Lücken der Kunstgeschichte schließen können. Einige Künstler sind in Vergessenheit geraten, weil man sie damals schon nicht auf dem Schirm hatte.
Benötigen Sie dafür in der Ludwiggalerie eine besondere Ausstellungsarchitektur?
Nein. Es handelt sich um viel Flachware, vornehmlich Grafiken, dafür haben wir unsere Wände und die werden das gut präsentieren.
Sie müssen aber eine gewisse Form finden, um das Thema den Besuchern nahe zu bringen?
Das stimmt. Wir haben die Ausstellung in verschiedene Themenbereiche unterteilt. Es gibt Künstler wie Reinhard Voigt oder Bodo Boden, die ein bisschenmainstreamig und poppiger unterwegs gewesen sind – also Pop-Art, wie man sie gemeinhin kennt. Dann haben wir ein Kapitel, wo wir die Geschichte des Kapitalistischen Realismus und des Quibb-Manifests erzählen. In einem weiteren Bereich zeigen wir fünf Künstlerinnen der deutschen Pop-Art. Es gibt auch abstrakte Varianten zu sehen, wie z.B. von Gernot Bubenik oder Ferdinand Kriwet. Ein sehr großer Bereich der Ausstellung wird aber die provokativen Haltungen der deutschen Pop-Art beleuchten, ihre Haltung zur deutschen Vergangenheit, zum Vietnamkrieg oder auch zum Kunstbetrieb, in denen sie sich z. T. sehr drastisch äußern.
Es heißt, die Künstler hätten, weil sie sich der Druckgrafik, der Auflagenkunst und den Multiples bedient haben, eine breite Öffentlichkeit erreicht. Das schafft man heute eigentlich nur noch mit Dokusoaps und Pseudo-Promis, oder?
Der Konsum von TV-Serien und seichter Unterhaltung ist natürlich auch eine Massenware, das kann man nicht abstreiten. Die Künstler haben sich von den Mechanismen des Mainstreams, der Werbung inspirieren lassen und sie verwendet, um ihre Botschaften zu verbreiten. Das ist Pop. Es gibt ein Zitat von Thomas Bayrle, wo er erklärt, wie er selber zur Pop-Art gekommen ist. Er war damals in einer Schokoladenfabrik von Ferrero und hat sinngemäß gesagt, dass ihn diese Massen, die da produziert wurden, fasziniert haben. Das sei absurd gewesen und voller unfreiwilliger Komik.
Ich komme zurück zu den Frauen: Was glauben Sie, warum so wenige Frauen mit der Pop-Art gearbeitet haben?
Zunächst einmal gibt es definitiv mehr, als wir hier zeigen. Dann haben wir die generelle Unsichtbarkeit von Künstlerinnen als Problem in der Kunstgeschichte. Das wird ja jetzt auch nach und nach in Ausstellungen aufgearbeitet. Bei den Künstlerinnen, die wir zeigen, spielt – wie so häufig – eine Rolle, dass sie in Abhängigkeitsverhältnissen zu ihrenLehrern standen, die berühmte Künstler waren. Ein Beispiel ist Rissa, die mit dem Künstler Karl Otto Götz, DEM Vertreter des deutschen Informel, verheiratet war und meistens im Schatten ihres Mannes stand. Die Strategien der Pop-Art nutzte sie u.a. deshalb, um sich von der Kunst ihres Mannes abzugrenzen.
German Pop Art. Zwischen Provokation und Mainstream | bis 3.5. | Ludwiggalerie Schloss Oberhausen | 0208 412 49 28
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