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Meta Marina Beeck
Foto (Ausschnitt): Eric Tschernow

„Lebensverläufe, die wenig Beachtung gefunden haben“

30. April 2026

Kuratorin Meta Marina Beek über „Die Kids sind nicht Alright!“ im Bochumer MUT – Sammlung 05/26

Die Gruppenausstellungbehandelt die Erfahrungen der jüngsten Generation der ehemaligen DDR und ihre Auseinandersetzung mit der deutschen Wiedervereinigung.

trailer: Frau Beek, ich wohne im tiefen Osten Deutschlands. Auch die dritte Generation Ost scheint immer noch unzufrieden mit der Wiedervereinigung. Ist das eine falsche Beobachtung?

Meta Marina Beeck: Das wird in der Tat sehr deutlich, wenn wir sehen, was in der Literatur, in der bildenden Kunst und im Film aktuell besprochen und diskutiert wird. Ich finde allerdings, dass „unzufrieden“ hier sehr verkürzt daherkommt. Eine Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Geschichte rund um die Wiedervereinigung ist überfällig und wird nun von einer Generation geführt, die als sogenannte Dritte Generation Ostdeutschland die heute 40-Jährigen meint. Die ehemalige DDR haben sie nur als Kindergartenkind oder Schulkind erfahren, haben also nur wenige Jahre in ihr gelebt. Die Gruppenausstellung Die Kids sind nicht Alright!”fragt nach den Erfahrungen dieser jüngsten Generation der ehemaligen DDR. Undja: Im Titel steckt drin, dass sie nicht einverstanden oder sagen wir unzufrieden sind mit einer Geschichtschreibung, die bestimmte und eben auch ihre Lebensrealität oft nicht berücksichtigt.Die Wiedervereinigung brachte für die kurz vor und nach 1990 Geborenen ungeahnte Möglichkeiten, beispielsweise freie Berufs- und Studienwahl, Reisefreiheit, Zugang und Teilhabe an der westlich geprägten Jugend- und Popkultur und eine Zeit des Friedens und der Demilitarisierung durch das Ende des Kalten Krieges. Die damaligen Kinder und Jugendlichen standen gerade am Anfang, anders sah es natürlich für die Menschen aus, die Jahrzehnte in der ehemaligen DDR gelebt hatten und mitten im Berufs- und Familienleben standen.Die Lebensverläufe der Eltern- und Großeltern-Generation sind von Umbrüchen gezeichnet und haben einen starken Einfluss auf das Leben ihrer Kinder, wie die ausgestellten Werke der Ausstellungen verdeutlichen.

Worum geht es in der relativ jungen Kunst, die scheinbar um eine Position zur eigenen, einst rein ostdeutschen Geburts-Kultur ringen will?

Meiner Beobachtung nach geht es um eineErgänzung und damit auch um eine Korrektur einer verallgemeinerten Geschichtsschreibung der deutschen Wiedervereinigung. Seit einigen Jahren setzen sich Künstler:innen in ihren Arbeiten verstärkt mit eigenen, stark persönlich geprägten Erfahrungen auseinander. Dadurch werden Lebensverläufe sichtbar, die bislang wenig Beachtung gefunden haben. Ein gutes Beispiel hierfür ist die künstlerische Arbeit von Minh Duc Pham. Minh Duc Pham wurde 1991 in Schlema im Erzgebirge geboren. Seine Eltern sind ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter:innen. In seinen Werken thematisiert er sein Aufwachsen zwischen verschiedenen kulturellen Einflüssen sowie Erfahrungen von Ausgrenzung und der Unsichtbarkeit der Vertragsarbeit in der ehemaligen DDR, aber auch in den Nachwendejahren bis heute.

Geht es in der Ausstellung auch um Stasi und Grenzmorde oder eher um eine profane DDR-Ostalgie?

DDR-Ostalgie im Sinne einerVerklärung der Vergangenheit ist in der Ausstellung nicht zu finden. Wenn ich Ihre Frage dahingehend beantworte, dann ja – eswerden zentrale Themen verhandelt, die sich unmittelbar aufdrängen. Die Künstlerin Susan Donath aus Apolda thematisiert in ihrem Beitrag mögliche Stasi-Verwicklungen in ihrer Familie, insbesondere im Hinblick auf ihre Großeltern, und fragt danach, wie innerhalb der Familie damit umgegangen wird und inwiefern diese Vergangenheit bis heute nachwirkt.

Was ist in der Ausstellung unter Tage an Kunst zu sehen?

In der Ausstellung zeigen zehn Künstlerinnen und Künstler in den Medien Malerei, Zeichnung, Grafik, Fotografie, Film, Skulptur und Rauminstallation aus persönlicher Perspektive ihre Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der deutschen Wiedervereinigung. Sie thematisieren die Bedingungen, unter denen sie in der ehemaligen DDR und in den Nachwendejahren aufgewachsen sind. Mit Blick auf die politische Gegenwart werfen die künstlerischen Positionen die Frage auf, wie erfolgreich die Wiedervereinigung angesichts heutiger demokratiefeindlicher Bestrebungen verlaufen ist und welche Perspektiven und Narrative die Erinnerungspolitik der Nachwendezeit bis heute prägen.

Florian Kunert, Fortschritt im Tal der Ahnungslosen (Filmstill), 2019, Dokumentarfilm, 66 Min. © Florian Kunert

Macht es einen Unterschied, die Ausstellung in Berlin oder im gebeutelten Ruhrgebiet zu zeigen? Die ökonomischen Probleme scheinen ähnlich, oder?

Ja, das macht definitiv einen Unterschied. Zunächst einmal ist die Ausstellung sowohl eine Erweiterung als auch eine Neukontextualisierung. Für das Museum Unter Tage in Bochum sind neue künstlerische Positionen hinzugekommen. Erfahrungen und Beobachtungen, die in der Ausstellung verhandelt werden – seien es Arbeitslosigkeit, Privatisierung, Brachflächen oder Leerstand im Stadtraum – sind im Ruhrgebiet nicht unbekannt. Vor dem Hintergrund des Strukturwandels in Ost und West gibt es viele geteilte Erfahrungen, die im Rahmen der Ausstellung zu interessanten Gesprächen führen können. In diesem Kontext ist das zur Ruhr-Universität gehörende Museum Unter Tage in Bochum genau der richtige Ort für die Ausstellung. In Bochum trifft eine Generation aus dem Westen auf eine Generation aus dem Osten, die mit Blick auf den Strukturwandel und dessen Folgen für die betroffenen Familien mitunter Ähnliches erlebt haben. So können Gespräche angestoßen werden, die an anderen Ausstellungsorten so nicht möglich sind.

Brauchen die Kunstwerke Erklärungen insbesondere für so genannte Wessis?

Ja, durchaus. Der Dokumentarfilm „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“ von Florian Kunert enthält beispielsweise im Titel gleich zwei erklärungsbedürftige Begriffe. „Fortschritt“ bezieht sich auf das gleichnamige DDR-Kombinat in Neustadt in Sachsen. Der Betrieb produzierte Landwirtschaftsmaschinen und exportierte einen großen Teil davon nach Syrien. Zu DDR-Zeiten wurde die Region bei Dresden im Volksmund als „Tal der Ahnungslosen“ bezeichnet – ein Ausdruck für Gebiete, in denen Westfernsehen und westlicher UKW-Rundfunk nur schwer oder gar nicht zu empfangen waren. Für seinen Film kehrt der Regisseur im Jahr 2019 in seine Heimatstadt zurück und dokumentiert die Ankunft geflüchteter Menschen, von denen viele aus Syrien stammen und in Neustadt untergebracht werden. Was Kunert in seinem Film zeigt, ist besonders berührend, da sich unerwartete Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart eröffnen, zwischen der DDR-Zeit der Landmaschinenproduktion und der heutigen Situation, in der Geflüchtete aus Syrien in den ehemaligen Wohnheimen der Fortschritt-Mitarbeiter leben. Die heutige Industrieruine in Neustadt wird im Film auch zu einem Symbol für Krieg und Verwüstung in Syrien.

Wie lange werden wir noch eine Ostbeauftragte der Bundesrepublik brauchen?

Ich hoffe nicht mehr lange, aber aktuell ist es wichtig, dass wir eine Ostbeauftragte haben. Als Frau, die im Jahr 1987 in Gera geboren wurde, gehört Elisabeth Kaiser übrigens auch zur dritten Generation Ost.

Die Kids sind nicht Alright! | 7.5. - 13.9. | Museum unter Tage, Bochum | 0234 322 85 23

Interview: Peter Ortmann

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