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Adolf Luther, Laserraum, 1970, kinetische Plexiglassteile, Rubinlaser, Nebelmaschine
© VG Bild-Kunst, Bonn 2022, Foto: Markus Wörgötter, mumok Wien

„Man sieht sich auf dem Kopf und durch Spiegel gebrochen“

07. November 2022

Kuratorin Eva Wruck über das Werk Adolf Luthers – Sammlung 11/22

trailer: Frau Wruck, wie bringt eine Ausstellung über Adolf Luther Licht ins Dunkle unter der Erde?

Eva Wruck: Auf vielfältige Weise. Wir werden im Museum unter Tage eine Retrospektive im eigentlichen Sinn zeigen. Bei den frühen Arbeiten Luthers angefangen, als er sich mit 45 Jahren vollberuflich der Kunst gewidmet hat, als er sich mit abstrakter Malerei beschäftigt hat und mit sogenannten Materiebildern. Da hat er Farbe als Material begriffen, als Materie strukturiert und sie plastisch geformt. Weniger um etwas zu veranschaulichen, sondern um es als Material auf die Bildfläche zu bringen. Da sind Gebilde mit stark strukturierten Oberflächen entstanden, an denen sich das Licht teilweise bricht. Da hat er dann erste Erfahrungen mit Licht gesammelt und mit der Wechselwirkung von Material und Lichteinflüssen. 1961 hat Luther angefangen, andere Materialien ins Werk zu integrieren, ganz im Sinne der damaligen Zeit auch mit Alltagsmaterialien experimentiert, die vorher nicht als kunstwürdig begriffen wurden.

Eva Wruck
Foto: Presse
Zur Person: Eva Wruck studierte Germanistik und Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum und promovierte zu amerikanischer Gegenwartskunst.Seit 2020 ist sie Kuratorin der Stiftung Situation Kunst (für Max Imdahl) im Schlosspark Weitmar,die zur Kunstsammlung der Ruhr-Universität Bochum gehört.

Und wie zeigt er das Unsichtbare im Licht?

1968 hat er erstmals den Flaschenzerschlagungsraum eingerichtet. Hier konnten Besucher:innen eine ganz normale Glasflasche nehmen und gegen eine Stahlwand werfen – während des Zerbrechens hat man an den Kanten der Scherben das Licht aufblitzen sehen. Das war ein Schlüsselmoment für Luther, der so festgestellt hat, dass es möglich sein muss, Licht sichtbar zu machen. Daraufhin hat er angefangen, Lichtschleusen zu entwickeln, die er mit verschiedenen Glassplittern gefüllt hat, durch die das Licht fällt. Über einen längeren Zeitraum als beim Flaschenerschlagungsraum kann man hier sehen, wie sich das Licht in den verschieden geformten Glaselementen bricht. Später hat er mit den Hohlspiegelelementen gearbeitet, die den Raum und die Betrachter:innen integriert haben, um dann zu Rauminstallationen zu finden, die mit Laser das Licht durch Rauch sichtbar machen.

Aber geraucht werden – wie damals – darf im Museum nicht?

Genau, Rauchen darf man nicht mehr. Das war zu Luthers Zeit, als er diese Rauminstallationen entwickelt hat noch so, dass die Besucher:innen darin mit ihren Zigaretten standen und durch den ausgeblasenen Rauch das Licht sichtbar geworden ist. Wir sind dabei, das mit Kunstnebel zu lösen. Das hat seine Tücken, da bestimmte Brandmelde-Vorrichtungen entsprechend eingerichtet werden.

Was macht das Haptisch-Dreidimensionale bei Luther interessant und in der Ausstellung sehens- beziehungsweise erlebenswert?

Gerade bei den Hohlspiegelobjekten wird das Phänomen visualisiert, was physikalisch passiert, wenn man vor so ein Objekt tritt. Da kann man sich selbst auf eine abstrakte, theoretische Weise vergegenwärtigen und dazu praktisch verstehen, was passiert, wenn man dann tatsächlich vor diesen Objekten steht und merkt, dass jede kleinste Bewegung zu einer Vielzahl von Bildern wird, die dann entstehen. Man sieht sich auf dem Kopf und durch Spiegel gebrochen und das ist eine komplexe, vielleicht auch verwirrende Raumwahrnehmung, die jeder selbst erleben muss, um sich tatsächlich davon ein Bild zu machen.

Und die Dramaturgie der Ausstellung schaffen dann die Werke aus seiner Sammlung?

Dadurch, dass er verschiedene Künstler seiner Zeit gesammelt hat, die später auch sehr namhaft geworden sind, kann man gut nachvollziehen, aus welchem Zeitgeist und welchen künstlerischen Fragestellungen Luther seine Glas- und Spiegelobjekte entwickelt hat. Da kann man schön sehen, dass es andere Künstler gab, die sich damals auf unterschiedliche Weise mit Material, mit Oberflächenbeschaffenheit und mit Raumwahrnehmung beschäftigt haben. Und das sind die Künstler, die er in seiner Sammlung hatte. Entsprechend haben wir die ausgewählt, die uns am prägnantesten erschienen, und die bilden den Einstieg in die Ausstellung. Danach gehen wir im Wesentlichen chronologisch vor, um zu verstehen, wie Luther sich von diesen frühen Materiebildern über die Lichtschleusen und Raumblenden hin zu den Hohlspiegelobjekten und den Rauminstallationen vorgearbeitet hat, um in einer immer größeren Reduzierung des Materials zur Darstellbarkeit von Licht zu kommen.

Adolf Luther ― Licht. Werk und Sammlung | bis 10.4.23 | Museum unter Tage, Bochum | 0234 322 85 23

Interview: Peter Ortmann

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