Manchmal kann Material auch schweigen, obwohl es eigentlich kommunizieren soll. In Agatha Insgardens Rauminstallation (Like mushrooms after rain, 2018) soll verflüssigtes Karamell auf Akustikschaum tropfen, die Materie arbeitet dabei selbstständig, wenn die Temperatur im Raum es zulässt. Auch wenn es bei mir nicht getropft hat, das langgezogene Stahlgerüst hat bereits mit den schwer zu greifenden Anbauten daran beeindruckt, wie ein Kokon schließen Stäbe den Zuckerkörper ein, in herzförmigen Spiegeln betrachtet der Betrachter sich selbst.
Die Installation der Polin ist Teil der Ausstellung „Die Kraft des Staunens“ im Bochumer Museum unter Tage, das vom Kunstgeschichtlichen Institut der Ruhruniversität bespielt wird. Studierende lernen dort die Bandbreite des musealen Ausstellungsbetriebs in der Praxis kennen. Momentan geht es im Tiefparterre um den neuen Materialismus in der Gegenwartskunst, die Materie macht sich teilweise frei vom Gestaltungswillen des Künstlers. Für eine Ikone der Konzeptkunst mussten die Studierenden schwer schleppen, ein großer Baum mit Spiegeln aus Langenfeld musste in die White Cubes unter der Erde, ganz im Sinne von Robert Smithson (1938-1973), der diese Arbeit „Indoor Mirror Displacement“ (Tree from Langenfeld, Germany) in den Jahren 1968/69 im Rheinland und im Ruhrgebiet geschaffen hat. Der abgestorbene Baum ist eine Rekonstruktion, das ursprüngliche Konzept das eigentliche Kunstwerk.
Der erste Raum gehört der US-amerikanischen Künstlerin Ilana Halperin und ihrer Reihe „The Rock Cycle“, bei der sie Hinterlassenschaften einer schottischen Ziegelei in das kalkreiche Wasser in der französischen Höhle Fontaines Pétrifiantes legt, wo sie einhundertmal schneller verkrusten als in anderen Kalksteinhöhlen. Die jetzt organisch wirkenden Gegenstände in der Vitrine haben eine ganz eigene, vom Menschen freie Formensprache angenommen. Die insgesamt sechs künstlerischen Positionen, die mit einem neuen Materialismus gearbeitet haben, fordern natürlich auch vom Besucher einen neuen Blick auf die Objekthaftigkeit der Werke, deren tiefere theoretische Schichten manchmal erst ausgegraben werden müssen. Aber dafür ist Kunst ja auch da und – sie brauchen keine Schüppe.
Die Kraft des Staunens / The Power of Wonder | bis 9.10. | Museum unter Tage, Bochum | 0234 322 85 23
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