Die Ausstellung der diesjährigen Ruhrfestspiele zeigt Arbeiten des isländischen Performancekünstlers, Malers und Musikers Ragnar Kjartansson.
trailer: Herr Anklam, die intellektuellen Bezüge und Anekdoten in Ragnar Kjartanssons Werk sind unübersehbar. Eine Ruhrfestspiel-Ausstellung nur für Gebildete?
Nico Anklam: Ganz im Gegenteil, die Besucher:innen brauchen ja überhaupt nichts mitbringen. Sie müssen einfach nur den Ohren folgen. Schon wenn sie durch die Eingangstür der Kunsthalle kommen und ihnen dort die Blechbläser aus der Lagune in Venedig entgegen kommen, dann brauchen sie gar nichts machen, nur die Töne auf sich wirken lassen. Und ich verspreche dem Publikum, wenn sie durch die drei Etagen der Ausstellung gelaufen sind, und auch wenn sie keine Zeile vorher gelesen haben, dass die Wenigsten von ihnen da unbewegt wieder raus gehen. Wir haben in den ersten Tagen jetzt schon gesehen, dass sie manchmal stundenlang da bleiben und gerührt sind. Wir haben ja auch noch nie so einen Aufwand betrieben, dass die Kunsthalle über alle Etagen auch so gut klingt.
Wie viel Theatralik erträgt die Kunst?
Eine gute Frage. Hat es was mit Bühne zu tun, das im Kleid der Kunst daherkommt oder ist es Kunst, die sich am Theater bedient? Ragnar Kjartansson kommt ja aus einer Kunst und Theater machenden Familie und dass der beides ganz wunderbar beherrscht und dazu viel mehr, das haben ja die letzten 15 Jahre bereits gezeigt. Er hat in der ganzen Welt Erfolg. Gleichwohl ist es mir wichtig gewesen, dass meine Ausstellungen zu den Ruhrfestspielen nicht nur relevant sind, sondern auch die Welt nach Recklinghausen bringen und dazu eine performative Komponente im Werk haben. Und da trifft es bei Ragnar Kjartansson den Nagel auf dem Kopf, weil es da bei einem bildenden Künstler so viel um Bühne geht.
Das Performative dominiert sein Werk. Sind seine Filme in gewisser Weise auch eine Weiterentwicklung von Videoclips auf hohem Niveau?
Ja und nein. Eigentlich haben die mit dem klassischen Musikvideo überhaupt nichts zu tun. Der Videoclip bebildert ja einen existierenden Song, während es bei Ragnar Kjartansson überhaupt nichts mit einer Bebilderung von Musik zu tun hat, wenn der bei unseine 38-Kanal-Sound-Installation aufbaut und einen dort mittendrin das isländische Nationalballett mitGitarren ausgestattet umkreist. Vielleicht eher, wenn Sie wollen, mit Stockhausen und Musik und Raum, bleibt aber eine ganz eigene Form von Kunst und die macht alles, aber nicht nur bebildern.
Eigentlich ist er ausgebildeter Maler, oder?
(lacht) Wahrscheinlich ist er alles so ein bisschen. Die 300.000 Isländer, das sind so viele wie in Berlin Spandau, scheinen immer viele Hüte zu tragen – denken wir nur an die Fußballnationalmannschaft aus Ärzten, Juristen und Klempnern, denken wir auch an Björk oder eben Ragnar Kjartansson.
Was hat er als Mann mit der feministischen Performancekunst des 20. Jahrhundert zu schaffen?
Ragnar Kjartansson, Margrét Bjarnadóttir & Bryce Dessner, No Tomorrow, 2022 Still of Six-channel video installation with sound. © Courtesy of the artists, Luhring Augustine, New York and i8 Gallery, Reykjavik.Das ist der wichtigste Ausgangspunkt für ihn. Von den feministischen Performerinnen der 1960er- und 70er-Jahre hat er als junger Mann gelernt und das sieht man ja bei ihm auf den zweiten Blick sofort, dass er die Stereotypen, die Fragezeichen, die sich bei einer männlichen Bühnenpräsenz ja zum Glück gestellt haben, aufnimmt, aufdröselt und wieder neu zusammenpackt, aber da bleibt natürlich auch immer ein Stück von ihm auf der Bühne. Auf der anderen Seite ist er zwar auch in der Ausstellung in Recklinghausen in einer Arbeit versteckt selbst zu sehen, aber eigentlich sind es immer ganz viele andere und die meisten davon sind ja Frauen.
Dass er sich über Stereotypen des Künstlerdaseins lustig macht, kann er sich bei seiner Biografie auch leisten, oder?
Also wenn sich jemand im Fünfjahres-Rhythmus seit seiner Studierendenzeit bis heute vor laufender Kamera von seiner Theatermacher-Mutter ins Gesicht spucken lässt, dann weiß man auf jeden Fall, der hat sowohl Humor als auch den Sinn dafür zu zeigen, wer er denn eigentlich ist. Denn vielleicht braucht es ja auch noch viele andere, die ihre Mütter für so wichtig halten, wie er seine Mutter.
Kommen wir nochmal zur Malerei. Was ist davon in Recklinghausen zu sehen?
Wir zeigen die „Figures in Landscape“ und „Weekdays in Arcadia“. Und da kann man zum einen sehr gut sehen, was es bedeutet, wenn man als Landschaftsmaler einmal im Jahr für einen Monat Schafe hüten muss und wie man das aufs Bild bringt. Auf der anderen Seite kann man daran denken, dass die Landschaftsmaler, insbesondere im 19. Jahrhundert, als Broterwerb ja auch ganz oft Bühnenbilder gemalt haben. Das sieht man in Kjartanssons Videoarbeiten, die sowohl draußen als auch drinnen laufen, ganz stark.
Die Arbeiten der neuen Gemäldeserie „Weekdays in Arcadia“ (2025) sind keine Bühnenbilder für Schäfer?
Nein. Ist das nicht toll, schon der Titel macht doch schon alles klar. In Arkadien ist ja eigentlich immer Wochenende und Urlaub, und das ist schon ein witziger Titel. Und dass in dieser entrückten, zeitlosen arkadischen Landschaft jetzt der Begriff von Arbeit oder Lohnerwerb einbricht und es doch zauberhaft genug bleibt, dass man nicht aufhören kann, nach den schönen kleinen Schafen darin zu suchen und sich fragt: „Wer sind denn die, die da unten mit Sicherheitsweste am Vulkan stehen, was machen die da eigentlich?“ Das sind ganz niedrigschwellige Wimmelbilder und gleichzeitig auch der beste zeitgenössische Kommentar zur Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Und sie werden zum ersten Mal in Deutschland gezeigt.
Hat Ragnar Kjartansson das wie damals auch Plein Air, also direkt in der freien Natur, gemalt?
Tatsächlich wurden die Ölbilder draußen in Skizzen gemalt und dann im Atelier fertig gemacht, ganz so wie man das klassisch kennt.
Man kann seine Art, Kunst zu machen auch schon vor der Kunsthalle bestaunen?
Dazu hat man zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Woche lang zur Straße hin drei Monitore, wo täglich die Szenerien wechseln.
Ragnar Kjartansson: Sunday Without Love | bis 16.8. | Kunsthalle Recklinghausen | 02361 50 19 35
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