Der Maler (1819-1871) machte nicht nur mit seinen Werken, sondern auch mit politischen Verwicklungen von sich reden. Für seine Beteiligung an der Zerstörung der Pariser Siegessäule musste er etwa eine Haftstrafe und eine hohe Geldstrafe verbüßen.
trailer: Frau Brohm, Frau Pizonka, denke ich an Courbet, denke ich an sein Werk „Der Ursprung der Welt“. Ist das seit 1995 so ein Männerding?
Anna Brohm (AB): Bei dem Werk „Der Ursprung der Welt“ haben wir uns natürlich auch viele Gedanken gemacht. Ich glaube, die Frage kommt sehr häufig, weil das einfach ein sehr skandalträchtiges Werk ist. Jeder kennt es und jetzt gibt es in Essen die Gelegenheit, es auch mal zu sehen.
Sonja Pizonka (SP): Richtig. Denn das Bild ist nicht häufig öffentlich gezeigt worden.
AB: Außerhalb von Frankreich ist das jetzt wohl das vierte Mal, dass es vom Pariser Musée d’Orsay überhaupt verliehen worden ist. Es wird äußerst selten verliehen. Deswegen freuen wir uns sehr, dass es nach Essen kommt. Und klar, das Gemälde wird natürlich auch ein Anziehungspunkt sein, in die Ausstellung zu gehen. Es ragt auch deutlich aus dem heraus, was sonst noch bei Gustave Courbet zu erleben ist, auch weil es ursprünglich nicht für den Kunstmarkt produziert worden ist.
SP: Ich glaube nicht, dass es ein Männerding ist. Es ist einfach ein außergewöhnliches, einzigartiges Werk. Und genau das wird sichtbar werden, dass es auch für Courbet selber ein ganz einzigartiges Werk ist. Es gibt in der Ausstellung noch weitere Akte zu sehen, sogar einen ganzen Raum dazu, aber das ist keineswegs der Schwerpunkt seines Œuvres. Trotzdem sprechen uns viele darauf an: „Zeigt ihr auch „Den Ursprung der Welt“?“
Das war aber auch gutes Marketing von ihm, damals schon?
SP: Courbet war ein Meister des Marketings. Aber das Bild hat er gar nicht für Werbezwecke benutzt. Das wurde privat gekauft und vom Besitzer hinter einem Vorhang aufbewahrt. Für den großen Kunstmarkt hat Courbet ganz andere Strategien entwickelt.
Er hat sein Leben lang, wenn ich das mal so lax formuliere, mengenweise Bilder verkauft, oder?
AB: Richtig. Er ist schon jemand, der zum einen in jungen Jahren eher ein politischer Maler war, der sich wirklich von den Traditionen des Klassizismus und der Romantik abgewandt hat und dann dazu übergegangen ist, eher Menschen aus seinem direkten Umfeld zu malen: Bauern, Arbeiter, seine Schwestern, die Familie. Also auch die arbeitende Gesellschaft, ohne sie zu idealisieren. Damit hat er über seine Beteiligung an den Ausstellungen beim Pariser Salon einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt. Um sich zu finanzieren, hat er dann natürlich das produziert, was besonders gefragt war. Das waren vor allem die Seelandschaften, wie er sie genannt hat – die Darstellungen von Küste und Meer. Auch später dann im Exil die Ansichten vom Genfer See mit dem Schloss Chillon. Das sind Werke, die es in mehrfachen Ausführungen gibt, mit Motiven, die sich wirklich nur leicht unterscheiden und die er zum Verkauf produziert hat.
Auch wegen des Schadensersatzes für die zerstörte Vendôme-Säule in Paris. Dumm war das nicht, oder?
SP: Ja, aber das ist eher die späte Lebensphase. Er hat jetzt nicht erst da angefangen, viel zu malen, weil er Geld brauchte, er war schon vorher ein sehr produktiver Maler. Das sieht man auch in der Ausstellung. Er hat verschiedene Motive immer wieder neu erfasst, hatte quasi einen bestimmten Motivkatalog, aus dem heraus er Variationen entwickelt hat.
Was ist an der Essener Retrospektive –auch für Besucher:innen, die ihn nicht kennen – besonders und spektakulär?
AB: Ich glaube, was aufregend ist für Menschen, die Courbet nicht kennen, ist, dass ein Maler dieser Zeit auf sehr vielen Feldern gearbeitet hat. Das ist vielleicht nicht spektakulär im eigentlichen Sinne, aber es gibt einen guten Einblick in ein Kunstschaffen, bei dem jemand, der Aufsehen erregende und provokative Werke gemalt hat, auch einen sehr hohen Output hatte und einen sehr ausgeprägten Hang zur Selbstinszenierung.
SP: Deswegen heißt die Ausstellung auch „Ich, Gustave Courbet“ mit dem Zusatz „Maler und Rebell“. Uns interessiert besonders, wie die Person Courbet das Kunstschaffen geprägt hat. Also nicht die Sicherheit der akademischen Ausbildung, sondern der Wille, immer wieder neue Terrains zu erkunden. Ich glaube, für Leute, die Courbet nicht kennen, ist die Persönlichkeit Courbet einfach sehr interessant: als jemand, der bewusst mit dem Skandal, mit der Marke Courbet und mit dem Image arbeitet.
AB: Und so ist er wirklich ein wichtiger Vorläufer der modernen Malerei. Später Cézanne oder Monet – das hat sich zwar fast zeitgleich, aber etwas verschoben entwickelt. Die kannten sich auch. Das ist schon extrem interessant zu sehen, welchen Einfluss er wirklich auf die Entwicklung der Malerei hatte. Man hat zuerst die Anmutung einer ganz klassischen Malereiausstellung, aber dann sieht man an vielen Stellen immer wieder, was sich verändert: in der Art zu malen, aber auch in der Art, wie man die Motive sieht und wahrnimmt.
Was war damals radikaler: seine Sujets oder sein Malstil?
AB: Beides eigentlich. Ich glaube, mit den Sujets hat er natürlich schon viel Aufmerksamkeit bekommen. Beispielsweise das Gemälde „Nach dem Abendessen in Ornans“, das ist eine ganz ruhige Szene, wo er seine Freunde und seine Familie beim Essen darstellt. Er malt die Szene, aber in einem so großen Format, das damals für eine intime Darstellung völlig ungewöhnlich war. Mit dem Werk wurde er dann auch beim Salon, also der großen Kunstausstellung in Paris, ausgezeichnet und es ist auch das erste Werk, das der französische Staat angekauft hat.
Die Ausstellung heißt „Ich, Gustave Courbet“. Liegt das auch an seinen rund 50 Selbstbildnissen?
SP: Ja, das liegt tatsächlich auch daran. Die Ausstellung beginnt damit. Man begegnet quasi Courbet in der Beschäftigung mit sich selbst. Diese intensive Beschäftigung mit dem eigenen Bild findet besonders stark in einem frühen Lebensabschnitt statt. Zum einen ist das eigene Bild natürlich das günstigste Modell, das man als Maler haben kann und auch das geduldigste. Und zum anderen experimentiert er mit verschiedenen Gesichtsausdrücken und mit unterschiedlichen emotionalen Zuständen.
AB: Da haben wir so ein kleines Panoptikum, um einen Überblick zu gewinnen, wie Courbet mit diesem Bild von sich selbst experimentiert. Da kommt auch wieder dieses Thema des Images dazu. Er hat diese Porträts immer auch beim Salon eingereicht und auch dadurch ist die Person Courbet den Leuten geläufig geworden.
SP: Das wird später weniger. Die Fotografie gewinnt an Bedeutung. Er lässt professionell gemachte Fotos anfertigen. Aber es ist ganz wichtig, dass am Anfang die Auseinandersetzung mit dem Selbst steht.
Gustave Courbet, „Femme nue au chien“, 1861/62 (Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm), Musée d'Orsay, Paris © bpk / Grand Palais Rmn / Hervé LewandowskiWie vermittelt man das in der Ausstellung, die Radikalität und seinen Einfluss auf die Kunst der Moderne? Gibt es eine Dramaturgie in der Ausstellung?
SP: Ja, es gibt eine Dramaturgie. Wir starten mit den Selbstbildnissen, dann kommt bei Courbet die Heimat als ein sehr wichtiges Thema – er kam aus der Franche-Comté. Das ist ein ganz wichtiges Motiv in vielen seiner Werke, besonders in den Landschaftsdarstellungen, sowie bei den Quellen und Grotten. Dieser Heimatbezug war sehr stark.
AB: Und genau diese Heimat prägte auch seine regierungskritische politische Haltung. Sein Gegen-den-Status-quo-Sein und sein Engagement in der Pariser Kommune, ich denke, das ist alles sehr stark miteinander verknüpft.
SP: Uns geht es darum, das wirklich zusammenhängend zu transportieren. Also Courbet als Person und Maler – und dass das bei ihm eng miteinander verbunden ist. Dann umkreisen wir auch in diesem Kontext das Thema Sozialrealismus und stellen ihm die Salonausstellungen gegenüber und die Frage, was das eigentlich zu der Zeit bedeutet hat.
SP: Wir haben auch für einzelne Bilder immer wieder kleine Erläuterungen. Denn bei vielen Werken ist es so, dass sie zwar sehr stark wirken, aber noch stärker wirken, wenn man Hintergrundinformationen hat. Gerade bei der Malerei des 19. Jahrhunderts ist das ein großes Hilfsmittel. Auch diese sozialen und politischen Vernetzungen erschließen sich nicht unbedingt in einem Landschaftsbild. Wir flankieren das also mit Texten und es gibt einen Vermittlungsraum, in dem verschiedene Themen aufgegriffen werden.
Ich, Gustav Courbet. Maler und Rebell | 17.07. - 08.11. | Museum Folkwang, Essen | 0201 884 50 00
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