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Helen Frankenthaler, Viewpoint I, 1974, Acryl auf Leinwand, 172,7 x 236,2 cm, Collection Helen Frankenthaler Foundation, New York
© Helen Frankenthaler Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Schütten statt Pinseln

09. Januar 2023

Helen Frankenthaler im Museum Folkwang – Ruhrkunst 01/23

Über 50 Jahre rein abstrakte Malerei – nur wenige Künstler haben lebenslang so konsequent ihr Ding verfolgt wie Helen Frankenthaler (1928-2011). Schon mit Anfang 20, kurz nach dem College, schreibt die New Yorkerin Kunstgeschichte mit der Entwicklung einer eigenständigen Technik, die frisch, frech und frei gegen alle malerischen Konventionen verstößt Sie pinselt nicht an der Staffelei – figürlich schon gar nicht –, sondern legt riesige rohe Leinwände auf den Boden und tränkt sie mit stark verdünnten Farben aller Couleur. Mit Schrubber und Wischmopp schiebt sie Farbpfützen über die Fläche, setzt hier und dort Akzente und verreibt sie mit Schwamm oder Hand … Farbe und Malgrund verschmelzen. Das war Anfang der 1950er Jahre revolutionär, begründete die Farbfeldmalerei und machte die junge Malerin weltberühmt. Jetzt erinnert eine Ausstellung in Essen an die „Schüttbild“-Künstlerin, die ihre sog. Soak-Stain-Technik lebenslang beibehielt, doch stetig variierte und verfeinerte. Auf großen Leinwänden wie auf kleinformatigen Papieren.

Die Retrospektive konzentriert sich auf Frankenthalers Papierarbeiten.Mit 75 Werken in 10 Räumen wirdklassischchronologisch die künstlerische Entwicklung nachgezeichnet: von kubistisch geprägten Anfängen 1949, über Schwarz-Weiß-Malerei, dann luftige, farbenfrohe Bilder mit plakativen Formen bis hin zur vollkommenen Verflüssigung auf nahezu monochromen Großformaten von 2002. Die abstrakte Farbenflut ist herausfordernd für heutige Sehgewohnheiten. Kuratorische Beigaben helfen, die künstlerische Lebensleistung zu würdigen: Pro Raum animiert eine parallel entstandene Leinwandarbeit als Eyecatcher und Ankerpunkt zum vergleichenden Betrachten. Ein Exkurs in die Zeitgeschichte verdeutlicht den immensen Einfluss der Malerin auf die amerikanische Nachkriegskunst, aus dem Off erklingen Jazztrompeten. Biografische Bezüge sind ausgeblendet, doch versteckt in der hintersten Videoecke kann man Helen Frankenthaler beim konzentrierten Gestaltungsprozess über die Schulter blicken: Das Filmporträt von 1978 vermittelt eine Ahnung, mit welcher Schaffensfreude und Freiheit ihre Kompositionen entstanden. Ihr Credo, lieber „eine hässliche Überraschung“ zu riskieren, als Dinge zu tun, die sie eh gut beherrscht, könnte glatt abfärben.

Helen Frankenthaler: Malerische Konstellationen | bis 5.3. | Museum Folkwang | 0201 88 45 000

Claudia Heinrich

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