Es war überfällig, dass das vielfach ausgezeichnete Werk von Natalie Czech (geb. 1976 in Neuss) umfassend an Rhein und Ruhr vorgestellt wird. Zwar wurden die überwiegend fotografischen Bilder der Professorin der HBK Braunschweig, die an der Kunstakademie Düsseldorf bei Thomas Ruff studiert hat, hier und da in Galerien und bei Themenausstellungen gezeigt. Die Zusammenhänge ihres Schaffens aber werden erst in der musealen Gesamtschau deutlich. Im Zentrum steht die Schrift mit ihrer konzeptuellen und visuellen Präsenz. Czech setzt sie in Bezug zu fotografischen Abbildungen, die ihren Ursprung in den unterschiedlichsten Vorlagen, etwa der bildenden Kunst, der Werbung und der Magazinpresse, aus dem alltäglichen Gebrauch des Schreibens und des Internets haben, bei denen es sich auch um Logos und Icons handeln kann. Der Text ist im Bild integriert und dort hervorgehoben, wird in dieses einbezogen oder begleitet es. Teils setzt sich die Darstellung über verschiedene Bildtafeln fort und ist durch die Rahmungen zerlegt bzw. zusammengefügt.
Das betrifft etwa die zentrierte Darstellung einer Ukulele auf vier Tafeln, welche neun Elemente bzw. verschiedene Ukulelen beinhalten, die, farblich unterschieden, als beschnittene Formen auch an die Bildränder gerückt sind. Insgesamt denkt man vielleicht an ein Plattencover oder ein Konzertplakat. In die zentrale Darstellung und am oberen Griffbrett ist Text integriert, beide Male sind die Buchstaben „O – R“ hervorgehoben, als Zitat aus der Literatur. Der Titel des Werkes ist: „A poem by repetition by Aram Saroyan 2“ (2014). Ästhetische Komposition und Referenz halten sich in der Balance, wie so oft bei Natalie Czech, die den Text für einzelne Werke auch direkt – in Druckbuchstaben – an die Wand überträgt, etwa wie Strahlen einer Sonne (und so ihrerseits die Pop Art zitiert). Genauso rückt sie ihre mehrteiligen Darstellungen aus dem Lot, lässt sie weiter abwinkeln und im Zueinander regelrecht tanzen – und das geschieht in Mülheim mit der Fotografie eines Bleistiftes: Hier zeigen sich die ganze Strenge und der Humor der Kunst von Natalie Czech zwischen Aneignung, Neu-Begegnung und Interpretation.
Natalie Czech verhandelt die Verfahren der Kommunikation in unserer Gegenwart. Dazu kommt sie wiederholt auf die Konkrete Poesie zurück, bei der der mündliche Vortrag oder das Schriftbild Teil der Literatur sind. Eugen Gomringer ist im Werk von Natalie Czech dabei, auch Robert Creeley und die Autoren der Beat Generation. Worte und Zeilen als solche sind bei ihr visuell-ästhetisches Material, das auf seine inhaltliche Aussage und zeitgenössische Präsenz befragt wird. Wie variabel und systematisch Natalie Czech vorgeht, zeigt nun also die Ausstellung in den beiden oberen Sälen des Kunstmuseum Mülheim. Sie stellt die zentralen Werkreihen der jüngeren Zeit vor, die um Weltaneignung und Erkenntnis kreisen und analysieren, wie unsere Wahrnehmung von Reizen und Reizüberflutung geprägt ist, wie Werbung und Internet auf uns einhämmern. Ihre Repetitionen und Variationen klären und loten aus. So sinnlich können Konzepte sein.
Natalie Czech – every window thinks of itself as being an opening | bis 12.4. | Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr | 0208 455 41 38
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