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Alice Könitz, Made in LA, UCLA Hammer Museum, Los Angeles 2015, Installationsansicht | © VG Bild-Kunst, Bonn
Foto: Brian Forest

„Wichtig, dass Kunst Gedanken öffnet“

31. August 2017

Alice Könitz über ihre erste Einzelausstellung in einem deutschen Museum – Sammlung 09/17

1970 in Essen geboren und in Mülheim aufgewachsen, zog es die Künstlerin Ende der 90er in die USA, nach Los Angeles. Wir sprechen mit Alice Könitz über Deutschland, das Ruhrgebiet und ihre Ausstellung im Kunstmuseum Mülheim.

trailer: Frau Könitz, Sie gelten vor allem in den USA als wichtige Vertreterin der zeitgenössischen Kunst. Warum hat es so lange gedauert, bis es auch in Deutschland zu einer Ausstellung kam?
Alice Könitz: Die Ausstellung ist meine erste Einzelausstellung in einem deutschen Museum, aber ich hatte vorher schon ein paar Einzelausstellungen in Deutschland – zum Beispiel gleich nach dem Studium in Düsseldorf bei Luis Campaña in Köln. 2008 hatte ich auch eine Einzelausstellung bei Susanne Vielmetter in Berlin und im letzten Jahr gab es eine Ausstellungsbeteiligung am Lehmbruck Museum in Duisburg. Aber es stimmt schon, dass ich nicht viel in Deutschland gemacht habe. Ich lebe seit 20 Jahren in Los Angeles und habe mich die meiste Zeit auch eher dorthin orientiert. Irgendwann habe ich angefangen, mich wieder für Deutschland zu interessieren, speziell auch für Mülheim. Ich fand das Ruhrgebiet immer schon sehr interessant und plötzlich ergab sich die Gelegenheit, hier etwas zu machen.

Ihre Kunst hat immer einen räumlichen Bezug. Welche Rolle hat der Raum, der Sie umgibt, für Sie selbst? Gibt es einen spürbaren Unterschied zwischen Los Angeles und Mülheim oder Düsseldorf, wo Sie auch lange gelebt haben?

Alice Könitz
Foto: Maxi Braun
Zur Person:
Alice Könitz studierte Bildhauerei bei Tony Cragg und Hubert Kiecol an der Kunstakademie Düsseldorf, bevor sie Ende der 1990er Jahre nach Los Angeles übersiedelte. 2012 gründete sie das LAMOA (Los Angeles Museum of Art), für das sie 2014 mit dem renommierten Mohn Award ausgezeichnet wurde.


Als Bildhauerin hat man eigentlich automatisch einen räumlichen Bezug. Bei mir geht es aber meistens auch um konkrete Orte. Ich habe einige Ausstellungen in den USA gemacht, die sich auf Orte bezogen haben, die ich jahrelang kannte, an denen ich immer wieder vorbeigefahren bin,zu denen ich also eine gewisse Familiarität hatte. Das habe ich natürlich mit Mülheim auch, ich habe ja 14 Jahre lang hier gelebt. Aber das ist eben wahnsinnig lange her, weil es meine ersten 14 Jahre waren. Für die Ausstellung habe ich Dinge nachgebaut, teilweise komplett aus der Erinnerung, manchmal mit Hilfe des Internets, teilweise bin ich auch nochmal an Ortegefahren und habe Fotos gemacht. Die Ausstellung hat viel mit Erinnerung und Rekonstruktion zu tun, während es in Los Angeles oder in anderen Ausstellungen, die auch ortsbezogen waren, keinen so starken Erinnerungsbezug gab. Was mir an der Mülheimer Ausstellung gefällt, ist die Tatsache, dass ich den Ort gut kenne und eine enge Verbindung zu ihm habe, aber auch gleichzeitig eine sehr große Distanz.

Spielt Veränderung auch eine Rolle?
Ja, aber ich versuche tatsächlich, mich an den Ort zu erinnern, den ich verlassen habe. Denn den gibt es ja so nicht mehr.

Also ist es auch eine kleine Zeitreise?
Auf jeden Fall. Ich habe in der ersten Vorbereitungsphase mehrere Zeichenbücher mit Erinnerungen gefüllt. Was man in der Ausstellung sieht, sind Objekte, die aus diesen Aufzeichnungen resultieren.

Ist es das erste Mal, dass Sie Erinnerungen in Ihre Kunst einbeziehen oder war dieser Aspekt schon immer präsent?
So extrem, so ausformuliert und deutlich habe ich noch nie mit Erinnerungen gearbeitet, aber meine Arbeiten hatten schon immer etwas damit zu tun. Ich habe immer Bezug auf bestimmte Orte und ihre Ästhetik und oft auch auf soziale Bedeutung genommen.

Ihre Kunst befindet sich an der Schnittstelle von Architektur und Design, kennt jedoch ebenso skulpturale Elemente. Sie arbeiten aber auch mit Fotografie und Performances. Ist es also eine Mischung, die die Besucher in Mülheim erwartet?
Tatsächliche fotografiere ich gar nicht so viel, ich arbeite eher mit Schnappschüssen, die ich als Gedächtnisstützen verwende. Ich habe Bildhauerei studiert, meine Arbeiten drehen sich immer um Gegenständliches. Als Bildhauerin interessiert mich, wie man mit Dingen umgeht, wie man um eine Skulptur herumgeht, was einen Gegenstand im Allgemeinen ausmacht und wie man sich dazu verhält. Gebrauchsgegenstände suggerieren eigentlich immer eine bestimmte Handlung, von daher haben viele meiner Skulpturen, die oft auch eine Verwandtschaft zu Gebrauchsgegenständen haben, etwas mit Performance oder einfach Handlungen zu tun, da man mit einem Objekt interagiert. So wie unsere täglichen Objekte oft unser Verhalten bestimmen, zeigen meine Skulpturen Möglichkeiten auf, wie man sich verhalten könnte.

Sie haben das Los Angeles Museum of Art (LAMOA) gegründet. Was hat es damit auf sich?
In der Einfahrt zu meinem Atelier habe ich einen kleinen Pavillon gebaut und Künstler eingeladen, die dort Ausstellungen gemacht haben, die oft den ungewöhnlichen Ausstellungsraum in ihre Arbeiten einbezogen haben. Von Anfang an war das LAMOA eine Institution, die nicht ganz das war, was sie vorgegeben hat, oder das, was man sich sonst unter einem Museum vorstellt.

Die Mülheimer Ausstellung heißt „Das LAMOA präsentiert: Mülheim/Ruhr und die 1970er-Jahre. Eine Ausstellung von und mit Alice Könitz“. Wie ist der Spannungsbogen zwischen dem LAMOA und Mülheim gestaltet?
Das LAMOA ist eher eine Institution, ein Begriff, ein Name, es ist nicht unbedingt identisch mit dem kleinen Pavillon. Man könnte sagen, dass das Institut LAMOA sein Hauptquartier in dem Pavillon hat, aber das LAMOA kann durchaus auch andere Formen annehmen und sich in Auslegern ausbreiten und wieder zusammenziehen. Was ich in Mülheim zeige, hat so gesehen nur entfernt etwas mit dem Pavillon zu tun. Hier zeigt das LAMOA eine Art Übersichtsausstellung über Mülheim, aber eben eine sehr persönliche Übersicht, wie die Stadt in meinem Kopf, in meiner Erinnerung existiert. Gleichzeitig werden Arbeiten anderer Künstler gezeigt, die in irgendeiner Weise darauf eingehen oder in Bezug zum LAMOA stehen. Das LAMOA wird also quasi ins Mülheimer Museum eingeladen.

Was wünschen Sie sich für die Mülheimer Ausstellung? Ist es ein bloßes Betrachten oder soll auch Interaktion stattfinden?
Eher letzteres. Es handelt sich ja um eine absolut räumliche Installation, man kann also gar nicht anders als drum herum gehen, man wird wie durch einen Irrgarten geleitet. Gleichzeitig gibt es auch niedrige Elemente, auf denen man beispielsweise sitzen kann.

Gibt es einen Unterschied zwischen der Betrachtung und dem Verständnis von Kunst in den USA und hier in Deutschland oder Europa?
Ich glaube schon, dass es da ganz große Unterschiede gibt, sie sind aber auch gleichzeitig sehr subtil. Man geht anders an Dinge heran. Ich wünschte, ich könnte jetzt ganz genau sagen, wo diese Unterschiede liegen. Aber ich bin sehr gespannt darauf, zu sehen, wie die Leute hier auf die Ausstellung reagieren.

In der Ausstellung finden sich auch Werke anderer Künstler wie Yukako Ando, Andreas Fogarasi, Harry Dodge und Allison Miller. In welcher Beziehung stehen Sie zu diesen Künstlern und wieso haben Sie gerade jene Künstler mit nach Mülheim geholt?
Das sind Leute aus Los Angeles, aus Deutschland und aus Österreich. Einige kenne ich noch von früher, viele habe ich aber erst später kennengelernt. Es sind ganz unterschiedliche Bezüge, die ich zu diesen Künstlern habe. Einige beschäftigen sich mit dem öffentlichen Raum, andere arbeiten eher prozesshaft, was mir auch sehr wichtig ist. Die meisten haben einen räumlichen beziehungsweise einen Architekturbezug.

Würden Sie das LAMOA als eindeutig publikumsbezogene Installation beschreiben, die von Partizipation lebt?
Der Begriff der Partizipation bezog sich für mich darauf, dass ich Künstler eingeladen habe, dort mitzumachen. Es war eine sehr schöne Zeit, als das LAMOA bei mir in der Einfahrt stand. Es hat sich eine ganz eigene Community um das LAMOA gebildet. Da kamen sehr viele Leute zu den Eröffnungen, ich war sowieso da, weil es ja bei mir im Studio stand. Es hatte immer sonntags geöffnet und durch die Besuche sind viele Gespräche entstanden.

Wenn Sie an die Anfänge Ihrer Kunst denken: In welcher Art und Weise haben sich maßgebende Einflüsse verändert? Gibt es Dinge, auf die Sie heute viel stärker oder weniger stark reagieren als zu Beginn Ihrer Karriere?
Ich habe mich immer für Skulptur im Zusammenhang mit Gegenständen interessiert, als Auseinandersetzung mit etwas, das uns täglich umgibt und unser Leben bestimmt oder beeinflusst. Das hat sich fortentwickelt und erweitert und mit der Zeit sind alle möglichen Facetten des urbanen Raums dazugekommen. Auch Raumbegrenzungen und -absperrungen haben immer eine Rolle gespielt. Ich glaube, dass dieses Interesse einfach offener geworden ist, und es wird sich auch immer weiter entwickeln.

Welche Aufgabe hat Ihre Kunst in der Zeit, in der wir uns befinden?
Ich finde es ganz wichtig, dass Kunst Gedanken öffnet. Wenn ich selbst Kunst mache, dann ist es nicht zielgerichtet. Ich habe einen Gedanken oder eine Idee und dann kommt in der Umsetzung etwas dabei heraus, was mich selbst überrascht. Ich hoffe, dass ähnliches beim Betrachter geschieht.

Also geht es um das Überraschungsmoment?
Ich finde es interessant, dass man sich körperlich, physisch um einen Gegenstand bewegt und Dinge sieht, über die man reflektieren kann, während man sich eigentlich noch im Prozess der Interaktion befindet.

„Das LAMOA präsentiert: Mülheim/Ruhr und die 1970er-Jahre. Eine Ausstellung von und mit Alice Könitz“ | 10.9.-4.2. | Kunstmuseum Mülheim | www.muelheim-ruhr.de

Interview: Barbara Slotta

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