Das Visiodrom im Gaskessel lädt zu einer immersiven Reise von der Entstehung des Universums bis zum ersten Leben, projiziert auf Europas größte 360 Grad-Projektionsfläche.
trailer: Herr Höher, warum sollten Menschen aus Wuppertal und darüber hinaus Ihre immersive Showbesuchen?
Christian Höher: Weil wir etwas machen, das es in dieser Form nirgendwo sonst gibt. Im klassischen Museum hängt ein Bild an der Wand, daneben ein Text, der einem erklärt, was man zu denken hat. Bei uns betritt man den Raum – und der Raum ist das Bild. Man steht mittendrin, 360 Grad, auf Europas größter Projektionsfläche. Das ist ein komplett anderer Prozess. Kognitiv ist das Gehirn zehn Prozent aktiver, wenn man vor einem Original steht, das stimmt. Aber emotional ist es bei uns viel stärker beeindruckend. Und das verändert, wie Menschen mit Wissen umgehen.
Ist das eine Kampfansage an das klassische Museum?
Ist es nicht, wir sind eine Ergänzung. Aber wir bespielen ein Feld, das lange stiefmütterlich behandelt wurde: die emotionale Wissensvermittlung. Viele Menschen betreten ein Museum und sind unsicher – darf ich näher ran, muss ich leise sein, verstehe ich das überhaupt? Das sind Hemmschwellen, die Menschen von Kultur fernhalten. Wir befreien die Kultur davon. Bei uns kann man sich hinlegen, zurücklehnen, staunen. Und dabei lernt man eine Menge, ohne dass es sich wie Lernen anfühlt.
Wie entwickeln Sie neue Shows?
Wir sind weltweit unterwegs und schauen, was andere Häuser machen – Marktanalyse nennt sich das offiziell, ist aber eigentlich ein großer Neugier-Rundgang. Dann diskutieren wir, manchmal wochenlang. Unser Anspruch ist, mit jedem Thema innerhalb eines Jahres mehr als 100.000 Menschen in den Kessel zu bringen. Wenn das Thema steht, recherchiere ich und suche die Fachleute, die wirklich Ahnung haben. Am Ende entstehen immer zwei Teile: unten die Ausstellung – das ist das Wissen. Oben die Show – das ist die Emotion. Beides zusammen macht uns aus.
Es gibt also immer zwei Teile, Wissen und Emotion?
Eher erst Kontext, dann Rausch. Unten bekommt man die Bausteine: Fakten, Zusammenhänge, Hintergründe. Dann geht man hoch ins Visiodrom und erlebt das Ganze als immersive Show. Man kann bleiben, so lange man will, die Show mehrmals schauen. Am schönsten ist, wenn Besucher nach der Show nochmal runter in die Ausstellung gehen – weil sie plötzlich ganz anders auf die Inhalte schauen.
Mit „Origins“ startet im Visiodrom eine Show zur Geschichte des Universums und des Lebens. Wie geht man diese Themen an?
Mit Demut. (lacht) „Origins“ ist unsere erste Show, die wir nicht selbst produziert haben – wir haben sie von unserem Partner Kunstkraftwerk Leipzig übernommen und sehr stark adaptiert. Es gibt viele Shows über Astronomie, Urknall, Entstehung des Lebens. Aber diese eine fasst alles zusammen, und zwar künstlerisch, nicht dokumentarisch. Europäische Videokünstler haben das erste Licht visualisiert, die erste Zelle. Das sind Bilder, die es so vorher nicht gab – weil sie Platz lassen für die eigene Fantasie.
Was machen Sie daraus in der Wuppertaler Fassung?
Wir stellen eine andere Frage. Leipzig hatte die Ausstellung stärker in Richtung Videokunst ausgerichtet – wir wollten einen eigenen Schwerpunkt. Bei uns geht es um die großen Fragen: Sind wir allein im Universum? Und wenn wir es eines Tages bereisen wollen – wie geht das überhaupt? Wir wollen positive Zukunftsvisionen entwerfen, nicht die nächste dystopische Erzählung. Dafür haben wir mit dem Exzellenzcluster Origins an der LMU München einen Partner gefunden, der wissenschaftlich auf Weltniveau arbeitet. Die waren übrigens begeistert, wie wir ihre Themen präsentieren – das ist für beide Seiten erfrischend.
Was genau erwartet die Besucher?
Wir bauen die „Schnecke der Evolution“ als begehbaren Raum: In der Mitte der Urknall, am Ende der Mensch. Man läuft also durch 13,8 Milliarden Jahre. Und dann gibt es einen Raum mit dem Motto „Du allein mit dem Weltall“. Da steht man drin und spürt, was Unendlichkeit bedeutet. Das macht etwas mit Menschen. Viele kommen demütig raus – und das meine ich positiv.
Die Show ist sechs Monate lang zu sehen?
Sechs Monate haben wir mit dem Kunstkraftwerk vereinbart, ja. Für uns ist „Origins“ ein Themensprung: Bisher waren wir stärker im kulturellen Bereich unterwegs, mit van Gogh, Monet, solchen Namen. Da haben wir uns ein großes Publikum aufgebaut. Jetzt wollen wir dahin, wo das Gasometer Oberhausen schon ist – dass Menschen kommen, egal was läuft. Das ist unser Ziel: dass es irgendwann heißt „Komm, wir gehen ins Visiodrom. Ist wie Kino. Passt immer.“
Origins – Die Schönheit des Lebens | ab 14.5. | Visiodrom im Gaskessel, Wuppertal | 0202 43 04 86 70
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