Manche Dinge müssen passieren. Als die japanische Künstlerin Yuko Mohri 2019 im Hotel in Paris einschlief, lief die Badewanne über und das Wasser überflutete das darunter liegende Zimmer. Der Schaden stürzte die Künstlerin vor die Not der Begleichung. Die Rettung war, das Ereignis in verkäufliche Kunst zu überführen: als Edition aus Fotos.
Auch dieses Tableau ist jetzt im Bochumer Kunstmuseum ausgestellt. Wasser, das in einen steten Fluss versetzt wird, ist ein Schlüsselmotiv im Werk von Yuko Mohri. Angeregt noch durch die U-Bahn-Schächte ihrer Heimatstadt Tokio, in denen tropfendes Wasser erfindungsreich aufgefangen wird, hat sie unter dem Titel „Moré Moré (Leaky)“ kinetische Konstruktionen geschaffen. Diese führen nun durch die Ausstellungshalle. Karg, fragil und voller Details ragen die Anordnungen aus Folien, Schirmen, Schläuchen und Eimern zur Decke, von wo Wasser in einen Kreislauf versetzt wird und in Kettenreaktionen Klang, Geräusch und Bewegung initiiert. Unterstützt durch den Titel kommt als ernste, in Japan sofort verstandene Assoziation die Erinnerung an das Austreten radioaktiver Substanzen in Fukushima 2011 hinzu.
Yuko Mohri (*1980) stellt in Bochum gemeinsam mit Ei Arakawa-Nash (*1977) aus, der als Performancekünstler international bekannt wurde. Er behandelt dies auch in Bochum, zum einen mit einer Performancereihe in der Ausstellung und zum anderen mit seinen „LED-Paintings“. Ei Arakawa hat sie während der Coronazeit entwickelt, als er nicht auftreten durfte. Seine großen LED-Scheiben stellen mit Blinklichtern Geldmünzen unterschiedlicher Währungen dar, die getaktet aufleuchten und den Minutenwert seiner Performances anzeigen. Natürlich geht es auch um die Wertschätzung von Kultur, um den internationalen Warenverkehr und das Funktionieren ökonomischer Systeme. Aber immer sind es einfache, alltägliche Dinge, die wie bei Yuko Mohri arrangiert werden und dann eine kraftvolle Dynamik entfalten.
Ei Arakawa und Yuko Mohri in ihrer Ausstellung im Kunstmuseum Bochum, © Künstler und Künstlerin, Foto: HoltgreveEine Referenz für Arakawa und Mohri ist die Fluxus-Bewegung der 1960er Jahre, die sich einmischte und ihre Aktionen bevorzugt in der Öffentlichkeit austrug. Alles könnte zu Kunst werden, die Fäden werden weitergesponnen und berühren existenzielle Fragen. Da ist Mohris Anordnung von Äpfeln, die beim Verwesen die Elektrizität für Glühlampen erzeugen, oder Arakawas Nachbau und Neuinterpretation des trockengelegten Swimmingpools aus dem Haus der Galeristin Inge Baecker im Ahrtal, in dem sie ihre Fluxus-Sammlung aufbewahrt hat. Diese ging nach ihrem Tod an das Kunstmuseum Bochum und war hier zuletzt, unter dem Titel „How We Met“, ausgestellt. Teil ist auch das Gedenken an Inge Baecker selbst, die während der Flutkatastrophe ums Leben kam und von der Arakawa nun ein Porträt gemalt hat. Auch Exponate der Fluxus-Sammlung sind in die Ausstellung integriert, wie abgestellt und doch in vieldeutige Beziehungen verwickelt. – Dass Yuko Mohri und Ei Arakawa-Nash in Bochum ausstellen, ist großartig. Und dass die japanische Biennale-Vertreterin von 2024 und der japanische Biennale-Vertreter von 2026 hier erstmals überhaupt zusammen ausstellen, eine Sensation.
How We Meet – Yuko Mohri & Ei Arakawa-Nash | bis 13.9. | Kunstmuseum Bochum | 0234 910 42 30
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