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Özlem Arslan und Eva Busch (v.l.)
Foto (l.): Ghazaleh Sadeghi, Foto (r.): Daniel Sadrowski

„Die Realitäten haben sich verändert“

18. April 2024

Die Kuratorinnen Özlem Arslan und Eva Busch über die Ausstellung zur Kemnade International in Bochum – Sammlung 04/24

Im Interview sprechen die Kuratorinnen Özlem Arslan und Eva Busch über die Ausstellung „Die Verhältnisse zum Tanzen bringen“, die an das Festival Kemnade International erinnert. 1974 wurde es vom Kunstmuseum Bochum ins Leben gerufen, um die Verständigung und die Sichtbarkeit der verschiedenen Gruppen von Zugewanderten im Ruhrgebiet zu fördern.

trailer: Frau Arslan, Frau Busch, 50 Jahre Kemnade International: Hat das Fest heute überhaupt noch mehr Bedeutung als die Cranger Kirmes in Wanne-Eickel?

Özlem Arslan (ÖA): Ich denke, das sind zwei verschiedene Veranstaltungen, die man nicht miteinander vergleichen kann, weil es da grundsätzlich um ganz unterschiedliche Dinge geht. Kemnade International wurde ja vom Kunstmuseum 1974, ein Jahr nach dem Anwerbestopp, initiiert, um auch zu schauen, was die Menschen, die jetzt keine Gäste mehr sind, außer ihrer Arbeit hierher bringen. So stand es in der Selbstbeschreibung des Museums. Der Schwerpunkt lag auf Musik, aber es gab nicht nur Musik, es gab auch Theater, Performances, und da kamen ganz große Namen aus diesen Branchen. Und darüber hinaus gab es bildende Kunst und auch Expertentreffen auf Fachtagungen zu politischen Themen.

Eva Busch (EB): Ich glaube, ich hatte schon gute Abende auf der Cranger-Kirmes, aber ich glaube, dass manche Dinge, die bei Kemnade International eine wesentliche Rolle spielten, dort nicht wirklich auftauchen. Wir hatten mehrere Treffen mit verschiedenen Vertreter:innen der migrantischen Selbstorganisationen, die an den Anfängen in Kemnade beteiligt waren. Und es war ganz klar, dass es die Grundsätze gab, dass das Festival antifaschistisch, antirassistisch, säkular und nichtkommerziell ist. Ich glaube nicht, dass man das auf Crange übertragen kann. Ganz im Gegenteil. Ich würde auch immer zwischen den Anfängen von Kemnade International und dem, was Ruhr International (Nachfolger des Festivals, Anm. d. Red.) heute ist, unterscheiden wollen. Das sind unterschiedliche Festivals.

Also bleibt nur noch Folklore?

EB: Ich denke, man muss es etwas differenzierter sagen, denn wir leben heute in einer komplett anderen Gegenwart, und die Notwendigkeit eines Kulturfestivals ist eine andere – wir könnten heute nicht mehr das Gleiche wie damals machen. Die politische Dringlichkeit ist eine andere, die gesellschaftlichen Realitäten haben sich verändert, es hat in diesen 50 Jahren eine totale Professionalisierung migrantischer Kulturarbeit gegeben, was ja auch toll ist. Menschen, von denen lang erwartet wurde, unbezahlt zu arbeiten, trauen sich, Honorare zu verlangen und machen nicht alles umsonst, wie es damals in Kemnade oft lief. Folklore, da höre ich erstmal den Verdacht einer einfachen Konsumierbarkeit, aber es ist auch ein komplexer Begriff, über den es sich lohnt, intensiver zu reden, damit er nicht so einseitig verwendet wird. Ruhr International ist meiner Meinung nach immer noch ein wichtiges Festival für die Stadt. Es gibt jetzt über einen Beirat den Versuch, wieder mehr Teilhabe in der Programmgestaltung zu ermöglichen. Zum Jubiläum wollen wir gemeinsam mit den verschiedenen Migranten-Selbstorganisationen und dem Bahnhof Langendreer wieder an die politischen Anfänge des Festivals erinnern und anknüpfen. Dafür entwickeln wir das Format Café Kemnade. Aber allein die Veränderung des Ortes, also von Kemnade zur Jahrhunderthalle, hat die Veranstaltung verändert.

ÖA: Ganz wichtig war aber auch, dass dieser Ort die drei Städte Witten, Hattingen und Bochum verbunden hat und dass das mit dem neuen Ort auch verschwunden ist und den Charakter veränderte.

Was ist im Museum 2024 zu sehen?

ÖA: Uns war klar, dass wir hier kein neues Festival veranstalten können. Das, was sie damals in Kemnade gemacht haben, kann hier nicht wiederholt werden. Was wir tun konnten, war im Museum eine Ausstellung zu organisieren. Dann war die nächste Frage, wie man ein Festival in eine Ausstellung übersetzen kann. Und mit wem? Es entsteht nun die Ausstellung mit dem Titel „Die Verhältnisse zum Tanzen bringen, 50 Jahre Kemnade International“, in der wir gemeinsam mit Partner:innen und Künstler:innen verschiedener Generationen auf die Geschichte dieses Festivals zurückblicken, aber auch nach vorne schauen und fragen, was können wir daraus lernen.

EB: Unser Ausgangspunkt war, den Beginn des Festivals und seine Geschichte wieder zugänglich zu machen und dafür Künstler:innen aus der Region und dem Ausland einzuladen. Denn die Menschen, die das Festival erlebt haben, sind meist total begeistert davon, aber jüngere Generationen kennen die Geschichte nicht. Der Einstieg in die Ausstellung wird eine Arbeit sein, die wir gemeinsam mit dem Cute Community Radio, einem DJ-Kollektiv aus Bochum, entwickeln. Die bauen einen Tisch, eine Mixing-Station, an der Lieder, die auf dem Festival damals gespielt wurden, mit neueren diasporischen Klängen gemischt werden können. Das Publikum ist eingeladen, in kleineren Gruppen neue Tracks zu entwickeln und eine Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart zu schaffen. Gleichzeitig schreibt sich das Cute Community Radio in die Geschichte von Kemnade ein, indem es „100 Jahre Kemnade International“ in die Zukunft projiziert.


Ein gemeinsames Fest von und für Gastarbeiter:innen und Einheimische, Foto: Hartmut Beifuß

An den Wänden im Museum hängt aber eher Historisches?

EB: Ja, es wird Fotos, einige Dokumente, Programmhefte und zwei Schallplatten geben. Einerseits haben wir fantastische Fotos von Hartmut Beifuß bekommen, und Özlem hat dazu Fotointerviews geführt. Sie hat mit Menschen, die damals aktiv waren, über jedes Foto gesprochen, und das Publikum kann sich ihre Sichtweisen anhören. Ich freue mich auch über einen Film von Cem Kaya, einem Regisseur, der im letzten Jahr mit dem Film „Liebe, D-Mark und Tod“ einen großen Erfolg hatte. Das war der erste Versuch einer Geschichte türkischer Popmusik in Deutschland, und in diesem Film gab es tatsächlich einen 10-minütigen Ausschnitt über Kemnade, aber leider hat der es nicht in den endgültigen Schnitt geschafft. Aber in der Ausstellung wird der gezeigt. Man sieht darin beispielsweise tolle Tagesschaumitschnitte.

Wie macht man das didaktisch in der Ausstellung, alles auf Deutsch?

EB: Nun, das ist eine große Frage. Standardmäßig verfügen wir im Museum immer über Texte in Deutsch und Englisch. So arbeiten wir normalerweise. Wir möchten aber Informationen professionell übersetzt in weiteren Sprachen anbieten und arbeiten daran, das noch bis zur Eröffnung zu schaffen.

Die Verhältnisse zum Tanzen bringen | 27.4. - 8.9. | Kunstmuseum Bochum | www.kunstmuseumbochum.de

Interview: Peter Ortmann

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