Die Ausstellung wird nie eintönig. Überall passiert etwas, finden sich Texte und Bilder, bieten sich Rückzugsorte, laden Stationen zum Mitwirken ein. Anlass ist ein Jubiläum: Vor 40 Jahren wurde der Museumsneubau der dänischen Architekten Jørgen Bo und Vilhelm Wohlert fertiggestellt – und der hat es in sich. Keine klassischen, in sich geschlossenen Säle für die Hängung von Gemälden, sondern vielmehr eine offene Weite mit einer erstaunlichen Höhe, noch dazu von oben aus einzusehen, ideal für große Installationen und Labyrinthe. Dazu kommen die Dachterrasse mit ihren Skulpturen und diese grandiose Rampe, die den Besuch der zwei Obergeschosse erst recht zum Erlebnis werden lässt und beim Begehen Körper und Zeit verdeutlicht.

Zum Jubiläum nun wurde eine Schau entwickelt, die das Museum als offenen, Diskurse fördernden Ort für zeitgenössische Ereignisse vorstellt. Dieses wird nun als Institution mitten in der Stadt begriffen, als Plattform zur Vertiefung virulenter Fragestellungen und ebenso zur Identifikation. Das beginnt mit dem Ausstellungstitel, der einem Song von Crosby, Stills, Nash and Young aus dem Jahr 1970 entlehnt ist. „House“ wird zum Zuhause, wo man sich einbringt und Diskussionen austrägt. Dabei vergisst die Ausstellung die Historie und die Beschaffenheit des Gebäudes nicht, sei es im Hinweis auf die Plexiglaswand von Terry Haass vor der Bibliothek, den Wandbehang von Endre Nemes oder Stano Filkos monumentales Objekt „Breathing“ (1970). Vor allem aber sind etliche Neuproduktionen zeitgenössischer Künstler:innen (darunter Laure Prouvost und Suchan Kinoshita) zu erleben, die interdisziplinär in den öffentlichen Raum eingreifen und gesellschaftliche Zustände und Themen, die uns derzeit beschäftigen, im Kontext mit der Architektur partizipatorisch verhandeln. Das beginnt im Erdgeschoss mit den Actionsettings „Spielwiese“ und „Copy Cats“ von Maximiliane Baumgartner, die, abgeleitet von einem additiv variablen System in der Konzeption von Bo & Wohlert, eine getaktete Versuchsanordnung mit Malereien, Texten und Tischen schafft, die auch Kinder zum Malen, Bauen und Blättern in Katalogen einlädt. Auf das modulare System von Bo & Wohlert bezieht sich ebenfalls, auf der anderen Seite im Erdgeschoss, Alper Kazokoglu mit seinem offenen Korridor, an dessen Gerüsten Kunstwerke u.a. aus dem Depot der Museumssammlung zu sehen sind, die sich ihrerseits mit Architektur und öffentlichem Raum beschäftigen. Zur Kontemplation, aber auch zum Gespräch ist hingegen der zeltartige Tempel von Irene Fernández Arcas – „Hygeia’s Cave“ – angelegt, der ausgehend vom Element Wasser dessen heilende Wirkung und eine kollektive Fürsorge thematisiert.
Irene Fernández Arcas, Hygeia’s Cave – Collective Regeneration Temple, 2023, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Bochum, © Künstlerin, Foto: Daniel Sadrowski, Kunstmuseum BochumEin weiteres Beispiel für die symbolische Repräsentation der Mythologie ist Theresa Webers Installation „Verflechtung der vier Göttinnen“, die das Gebäude in seiner Vertikalen durchmisst – der Ausstellungsraum ist Hülle, kommunikatives Display und Struktur für Fragestellungen etwa zum Feminismus und zur Prozesshaftigkeit unserer Zivilisation, die aus der Antike und in verschiedenen Kulturen bis ins Heute reichen. Und: Er ist der diskrete Star der Schau.
Our house is a very very very fine house | bis 28.4. | Kunstmuseum Bochum | 0234 910 42 30
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