Das Märkische Museum Witten ist ein bisschen der ewige Geheimtipp. Bekannt ist es für seine Sammlung, die von der informellen Kunst überstrahlt wird, was als bedeutender Zeitstil beachtlich, aber kaum aktuell ist. Damit und dagegen leistet Christoph Kohl als künstlerischer Leiter mit seinen Wechselausstellungen vorzügliche Arbeit. Das belegt einmal mehr die aktuelle Schau zu Vera Lossau. Die Objekt-, Installations- und Collagenkünstlerin, die als Professorin an der Technischen Hochschule Detmold lehrt, wurde Mitte der 2000er-Jahre von Düsseldorf aus als Mitglied der Künstlergruppe „Everything is all Right“ bekannt, zu der sie neben Performances und Aktionen mit eigenen Werken beitrug.
Die Sujets sind bis heute der Umgang mit Geschichte und Kultur, das Zurechtfinden des Einzelnen in gesellschaftlichen Strukturen und deren Hierarchien und Geschlechterrollen und Kommentierungen zum Zustand unserer Zivilisation. Humor und Nachdenklichkeit treffen aufeinander; voller Anspielungen – und in ihrem Realismus ohnehin unserer Gesellschaft entnommen – konfrontiert sie mit vermeintlichen und tatsächlichen Alltagsgegenständen, die in der Abformung und Kombination unerwartete Wendungen nehmen. Starres wirkt biegsam, Billiges wird kostbar und edel, Schweres erhält Leichtigkeit. Lossau setzt die Reize der Anziehung ein, etwa mit wertvollen Materialien, der Haptik von Oberflächen oder Rasterungen, mit Licht und glänzenden Partien und mit der Aufforderung, die Werke von allen Seiten zu betrachten – und dabei zu beobachten, wie sie sich verändern, einmal vertraut, dann wieder fremdartig werden.
Die Ausstellung in Witten nun umfasst Arbeiten aus den letzten eineinhalb Jahrzehnten. Im Raum links hängt über Kopf ein Basketballring. Zwei Bälle darüber hindern sich auf ihren Wurfbahnen, dass überhaupt einer durchfällt; sie erzeugen eine Pattsituation des Scheiterns. Es geht um Macht, Dominanz, Hierarchien, selbstverliebte Virtuosität, aber auch die soziale Struktur von Sport, vielleicht ja noch in Anspielung auf Jeff Koons‘ frühes Objekt „Two Balls 50/50 Tank“, bei dem in einem Aquarium zwei Basketbälle „schweben“. In einem anderen Raum sind abgebrannte Feuerwerksböller der Silvesternacht in Bronze abgegossen: Das Vergängliche, das durch das rasche Abbrennen symbolisiert wird, wechselt in eine Form für die Ewigkeit.
Die kleinste Arbeit zeigt, ebenfalls in goldfarbener Bronze, Taubenspikes, die irgendwie unangenehm sind und die Vögel fernhalten sollten. Hier nun, im Abguss auf Augenhöhe an der weißen Wand, wirken sie wie Kakteen oder die Skyline einer Metropole. Vera Lossau erwähnt, dass sie sie auf der Erde in einem Kibbuz bei Tel Aviv gefunden hat, das weitgehend aus Hochhäusern besteht – mit dem Wissen um die aktuellen politischen Ereignisse kommt plötzlich ein Ton des Fragilen hinzu, wie ein Tanz auf dem Vulkan. Ausgestellt sind auch die Collagen aus Zeitschriftenmaterial. Kennzeichnend ist eine schier überbordende Fülle an Details und Zitaten, in denen man sich wie in einem Labyrinth verirrt – und an einer anderen Seite herauskommt als erwartet. Gerne möchte man mehr solcher Ausstellungen sehen, gerne in Witten.
Vera Lossau: Hypnic Jerk – Von der Gleichzeitigkeit | bis 22.2. | Märkisches Museum Witten | 02302 581 25 50
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