Michael Beutler ist Bildhauer mit einem Faible für flächiges Material: handgeschöpftes Papier! Den Altbau des Gelsenkirchener Kunstmuseums verwandelte der Preisträger der Kunststiftung NRW 2026 mit einer Installation über drei Etagen in eine Papierwerkstatt. Mit seinem Projektentwurf, zugeschnitten auf die Räume der Gründerzeitvilla, konnte der 50-jährige Professor für Künstlerische Gestaltung an der RWTH Aachen die Jury überzeugen und mit dem Preisgeld seine Idee realisieren.
Die Inszenierung startet unbemerkt schon am Haupteingang des Museums. Den Neubau betritt man durch eine Glasdrehtür. Den Übergang zum Altbau im 1. Stock versperrt deren künstlerisches Gegenstück: ein papierenes Drehtor. Wer Beutlers Ausstellung sehen will, muss da durch. Und gerät in direkten Kontakt mit der Kunst, körperlich wie psychisch. Mal ist der Durchgang offen, mal flitzt die Öffnung vorbei und man muss einen beherzten Sprung ins Innere wagen. Und steht mit ein paar anderen Besuchern in einer raumhohen, mit Papierbahnen ummantelten Tonne, die sich über ein hydraulisch gelagertes zentrales Holzgestänge von Hand in Drehung versetzen lässt. Durch die rotierende farbgesprenkelte Papierhülle schimmert das Außenlicht und erzeugt Faszination oder leichten Schwindel. Hinter dem Ausstieg landet man in einem Labyrinth aus hohen Holzstellagen mit Papierverspannungen, die Farbräume bilden und den Ausstellungstrakt völlig umstrukturieren. Etwa 200 Papiere fertigte Martin Beutler mit seinem Team vor Ort an, alles Unikate, handmade und angenehm provisorisch. Was er dafür benötigte, hat der Künstler im ganzen Haus ausgebreitet.
Die Architektur eines Ausstellungsorts ist stets fester Bestandteil von Beutlers Werk. Das Museum wurde zum Produktionsort, die Arbeit ist abgeschlossen. Alle selbstgebauten Gerätschaften und das recycelte Endprodukt sind nun skulpturale Exponate der mehrstöckigen Installation, durch die sich die Besucher hindurchbewegen: Im Erdgeschoss die Papiermühle, Schöpfbecken, Pulpe aus eingeweichten Katalogen, Zeitungen, Museumsplänen, lange Tische und Bügelpresse für Tapetenbahnen, die auf dem Dachboden zum Trocknen an Bambusgestellen hängen. Auch hier entfaltet sich der sympathische Charme von menschlicher Handarbeit und das Material zeigt seine sinnlichen und ästhetischen Qualitäten.
Michael Beutler: Tapetenwechsel | bis 16.8. | Kunstmuseum Gelsenkirchen | 0209 169 43 61
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