Zu den Ruhrfestspielen Kunst mit Theatralik zeigen – das ist dem Team der Kunsthalle auch 2026 geglückt: Der Isländer Ragnar Kjartansson inszeniert ein Fest für Augen und Ohren aus romantischer Melancholie und intelligentem Humor. Besucher stehen mittendrin in seinen musikalischen Videowelten, amüsiert und angerührt in einer Gefühlsmelange, die irgendwie nicht zu packen ist. Kurz: Emotionstheater auf drei Etagen.
Ein tiefschwarzer Vorhang verhüllt den Eingang im Erdgeschoss. Getragene Trompetenmelodien saugen einen hinein in die dunkle Halle und zwischen zwei gegenüber positionierte Video-Großleinwände. Hier steht man quasi im Wasser, Venedigs Arsenale. Ein kleines altes Segelboot schippert als Klangskulptur im Hafenbecken, dicht beladen mit einem Blechbläser-Sextett, das unentwegt dieselbe ätherische Komposition spielt. Gemächlich kreisend von einem Bildschirm auf den anderen. Fast 3 Stunden auf Video, faktisch über 6 Stunden täglich von Juni bis November 2013. Das Scheitern seiner Extrem-Performance zur 55. Biennale hatte Kjartansson eingepreist, doch die Bläser hielten durch. Ihr würdevoller Ernst wird konterkariert durch die absurde Situation in der Zeitschleife und das Boot namens „S. S. Hangover“ mit moppeligem „Pegasus“ auf dem Segel.
Solche ironischen Brüche und Spiele mit Zeit, Raum und kunsthistorischen Anspielungen ziehen sich durch das gesamte Werk des Isländers. Der Spross einer Künstler- und Schauspielerfamilie startete zunächst als Musiker, bevor er sich international erfolgreich der Kunst verschrieb. Seine bühnenbildgroße Landschaftsmalerei bietet romantische Überwältigung, bis man winzige Männlein und Schafe entdeckt. Auch Kjartanssons neustes Musikvideowerk im ersten Stock versetzt in ein absurdes Landschaftsidyll: eine Wiese am See, weit verstreut Personen in Trachten, ein Mann singt und klampft unentwegt ein trauriges Liebeslied, das sich als Ohrwurm im Gehörgang festbeißt.
Bis man sich in der oberen Etage wiederfindet, inmitten von 8 Tänzerinnen mit Gitarren, die im Kreis über sechs Videoscreens performen, in wechselnden Formationen. Der Sound wandert mit den Akteurinnen, entwickelt eine faszinierende Sogkraft und bewegt. Am Ende ist man ein bisschen traurig, doch verzückt und beglückt, ohne genau zu wissen, warum. Schön schräg, alles!
Ragnar Kjartansson: Sunday Without Love | bis 16.8. | Kunsthalle Recklinghausen | 02361 50 19 35
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