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Das Programm der Bildhauer

05. April 2011

Ausstellungen in Gelsenkirchen und in Duisburg und im Museum Glaskasten in Marl - RuhrKunst 04/11

Das „Plastische“ dieser Arbeiten stellt sich erst allmählich ein: Im Kunstmuseum Gelsenkirchen ist derzeit, aber nur noch für wenige Tage, das Werk von Klaus Staudt zu sehen. Auf ebenso zurückhaltende wie eindrucksvolle Weise drehen sich seine Reliefkästen, Objekte und Farbstiftzeichnungen um das Verhältnis von Fläche und Raum.

Klaus Staudt wurde 1932 geboren, 1974 bis 1994 hatte er eine Professur an der Hochschule für Gestaltung in Offenburg inne. Schon in den 1960er Jahren aber zählte er zur künstlerischen Avantgarde, die sich mit konkreter, gegenstandsfreier Kunst, mit einer Konzentriertheit der Formensprache und der Rolle des Zufalls beschäftigte. Bis heute folgt Staudt diesen Aspekten. Farbe verwendet er fast nie, und wenn, dann beschränkt er sich auf einen Farbton. Und das Quadrat bildet nach wie vor die Basis seiner Arbeiten. In Plexiglas-Kästen kippen (oft polygonale) Blöcke in den Tiefenraum, wo sie zu schweben scheinen, eingebunden in systematische Abläufe. Im Zusammenspiel der Licht- und Schattenflächen entsteht ein vibrierendes räumliches Feld. Auch hat Klaus Staudt eine Milchglasscheibe eingefügt und darunter die Einzelelemente in vermeintlicher Spiegelung fortgeführt. So nüchtern seine Arbeiten zunächst wirken, so vital und „unberechenbar“ sind sie doch. Zudem sind die Titel assoziativ und wecken etwa Bezüge zur Gefühlswelt. Also, Staudt ist ein sinnlicher Theoretiker, der die Fähigkeiten des Sehens verdeutlicht und immer wieder in Frage stellt. Dazu tragen erst recht die freistehenden Stelen bei, die zu umgehen sind und stets neue Ansichten ermöglichen. Sie lenken den Blick auf das Potential und die Möglichkeiten von Skulptur.




Klaus Staudt, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Gelsenkirchen, (c) VG Bild-Kunst, Bonn / Foto: Atelier Klaus Staudt

So verstanden, „bereiten“ die Werke von Klaus Staudt noch auf eine weitere wichtige Skulpturen-Ausstellung im Ruhrgebiet vor, die im Museum Küppersmühle in Duisburg stattfindet. Zu sehen ist dort ein Überblick über die – plastische, grafische und konzeptuelle – Arbeit des an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrenden britischen Bildhauers Anthony Cragg.

Ein exemplarischer Überblick
Das erste Kompliment kam vom Kurator. Dies sei eine Ausstellung, die ihn „verleiten könne, zwei Stunden zu reden“, schwärmte Siegfried Gohr. Vielleicht liegt es daran, dass hier, in der Küppersmühle so ziemlich alle wichtigen Werkphasen von Cragg vorgestellt werden. Auch die ganz frühen. Anthony Cragg, der 1949 in Liverpool geboren wurde und seit 1977 in Wuppertal lebt, wurde spätestens Mitte der 1980er Jahre bekannt mit Collagen direkt an der Wand, welche Fundstücke, Scherben, Plastikfiguren aus Kunststoff zu farbigen Figuren und Gegenständen in Lebensgröße anordnen. Diesen Arbeiten liegt ein Programm zugrunde, das für Cragg bis heute Gültigkeit besitzt: Er lässt sich auf die Erscheinungen und Materialien der tagtäglichen Umgebung ein und setzt sie in der Orientierung an der (menschlichen) Figur um.

Anthony Cragg spricht von einem „Beobachtungssystem, zu dem Wissenschaft gehört“, ohne selbst Wissenschaftler sein zu müssen. Seine Arbeiten beruhen oft auf biomorphen, zoologischen Erkenntnissen, die er in Richtung Kunst weiterdenkt. Und er untersucht, was Skulptur an sich ausmacht und in ihrem Inneren zusammenhält. Folglich gibt es bei den neueren Arbeiten in Bronze und Holz Oberflächen, die systematisch Einblicke ermöglichen oder sich umstülpen. So entstehen homogen in die Höhe wachsende Formgebilde, die ein komplexes und dabei elegantes Spiel entfalten, so dass man sich staunend fragt, wie Cragg das hingekriegt hat. Äußerer Raum und innere Energie treten in ein Zwiegespräch, und natürlich muss man seine Arbeiten umqueren und versteht sie auch dann nie ganz – auch das haben sie mit den plastischen Arbeiten von Klaus Staudt gemeinsam.





Tony Cragg, Riot, 1987, Kunststoff, 235 x 1570 x 7 cm, (c) VG Bild-Kunst, Bonn / Foto: Archivio fotografico Tucci Russo / Rosa and Gilberto Sandretto Collection, Mailand

Doch auch wenn Anthony Cragg schon die meiste Zeit in Deutschland lebt und hier lehrt: Sein Werk repräsentiert noch die beste Tradition britischer Bildhauerei in der Nachfolge von Henry Moore und Anthony Caro. Aber Cragg ist zeitgenössisch – bereits im Grad der Abstraktion und in der Erfindung neuer Formen. In den letzten Jahren dominieren in seinem Werk organische Körper, die sich in Wellen zusammenziehen und spiralig ausdehnen. Dabei erkundet Cragg zugleich, wie er sagt, das „Universum an Material“, das uns heute in der Industrie und im Alltag umgibt und auf das seine Plastiken mit der Verwendung unterschiedlicher Werkstoffe, Oberflächenbehandlungen und Farben eingehen – was die gesamte Aufmerksamkeit des Bildhauers bedingt und sein Vorstellungsvermögen herausfordert.

Aber der Ausstellungstitel „Dinge im Kopf“ spielt auch auf etwas anderes an. Die Auswahl der Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien und Druckgrafiken legt einen Schwerpunkt auf Arbeiten, bei denen sich tatsächlich ein Kopf oder Gesichter verzerrt oder als Anamorphose abzeichnen. Die Gefahr, dass diese pitturesken Werke nur noch auf eine solche Erkennbarkeit hin wahrgenommen werden, umschifft Cragg indes durch seine Formlösungen und das grundsätzliche Beharren auf dem, was Skulptur überhaupt auszeichnet.

Von Duisburg nach Duisburg
Mit dem Wilhelm Lehmbruck Museum gibt es, ganz in der Nähe, einen Ort, der sich die Vermittlung von all dem auf die Fahne geschrieben hat, auf der Grundlage der eigenen, international ausgerichteten Skulpturensammlung. Seit eineinhalb Jahren ist Raimund Stecker dort Direktor, und zu den Dingen, die er seither verändert hat, gehört, dass er die Sammlung im „ursprünglichen“ Wechselausstellungsraum in herausragenden Beispielen verdichtet hat. Und dass er den Begriff der Skulptur parallel nach verschiedenen Richtungen hin abklopft. So kommt es, dass derzeit Schauen mit plastischen Entwurfsskizzen von Markus Lüpertz (zum Herkules-Monument in Gelsenkirchen) sowie mit Bildern und Skulpturen des so viel älteren Max Klinger (1857-1920) stattfinden. Dabei: Beide Künstler widmen sich ganz der menschlichen Figur und sehen in der Hinwendung zu ihr das höchste Ziel plastischer Betätigung. Bei Lüpertz führt dies zur (kalkulierten) Deformation und Fragmentierung und zu einem eigengesetzlichen Umgang mit Farbe. Klinger arbeitet naturalistisch auf der Höhe seiner Zeit, unterwirft aber die formale Gestaltung dem Darstellungsziel. Und wie heute Markus Lüpertz, so gehört Max Klinger zu seiner Zeit zu den arrivierten, bewunderten, aber auch umstrittenen Salon-Künstlern, gleichermaßen tätig als Maler und Bildhauer, mit einem Hang zur Selbstinszenierung.





Max Klinger, Kniende (Kauernde), 1897/98, Bronze, H 80 cm, (c) VG Bild-Kunst, Bonn, Sammlung Siegfried Unterberger / Ausstellung Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg

Klingers Arbeiten befinden sich im Radius des Symbolismus mit dessen mystischen und zugleich existentiellen, unmittelbar vom Menschen handelnden Themen. Dies trifft stärker auf seine Malereien und Zeichnungen zu als auf die Skulpturen, die für sich isoliert sind. Als Figuren in Marmor, Gips oder Bronze sind sie kompakt in ihrer Körperlichkeit und dabei in Bewegung begriffen. Sie sind idealisiert und stellen geradezu Heroen ihrer Zeit dar. Interessant ist, dass noch frühe Werke des expressionistischen Bildhauers Wilhelm Lehmbruck aus dem eigenen Bestand in Klingers Ausstellung (die weitgehend aus der Sammlung Siegfried Unterberger zusammengestellt ist) integriert sind.

Skulptur im Dialog
In Nordrhein-Westfalen widmet sich noch ein zweites Museum schwerpunktmäßig der plastischen Kunst: das Museum Glaskasten in Marl. Und wie in der Umgebung des Wilhelm Lehmbruck Museums mit dem Kantpark, so steht auch in Marl ein Teil seiner Kunst draußen. Um das Marler Rathaus – wo das Museum selbst untergebracht ist – und am Ufer des künstlich angelegten Sees sind rund 70 Plastiken von Rang platziert. Sie korrespondieren mit ihrer Umgebung, so dass tatsächlich ein Dialog von Stadt- bzw. Naturraum und Kunst entsteht. Zelebriert wird die Außensaison des Museums übrigens am 9. April mit dem „Almauftrieb“, bei dem zwei Kühe aus bemaltem Polyester auf eine Insel im See geleitet werden – schon eine Tradition.

Und drinnen, im Wechselausstellungsbereich im Untergeschoss? Das Museum in der Stadt des Grimme-Preises legt einen Akzent auf die Medien-Kunst: mit den hier verliehenen Marler Video-Kunst- und Video-Installations-Preisen und dem Deutschen Klangkunst-Preis. Im April aber ist etwas ganz anderes zu sehen. Dann werden Skulpturen der Lobi gezeigt, einer in Burkina Faso, der Elfenbeinküste und Ghana beheimateten Ethnie: Sie vermitteln eine ganz andere, vom Westen unberührte Auffassung von Figur, in der Skulptur.

Klaus Staudt – In Bewegung | bis 3.4. im Kunstmuseum Gelsenkirchen | www.kunstmuseum-gelsenkirchen.de

Anthony Cragg – Dinge im Kopf | bis 13.6. im Museum Küppersmühle in Duisburg | www.museum-kueppersmuehle.de

Max Klinger – Von der herben Zartheit schöner Formen, bis 24.4. in der Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg | www.lehmbruckmuseum.de

Skulpturen der Lobi | 10.4. bis 29.5. im Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, www.marl.de/skulpturenmuseum

Thomas Hirsch

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