Die neue Ausstellung im Kunstmuseum Mülheim feiert den Menschen als herausragendes Sujet der Kunstgeschichte. Bis heute ist er das vorrangige Thema der Kunst, realistisch oder abstrahiert, als Ganzfigur oder Fragment, in Mutation, auf fragilen Füßen und selbstbewusst, auch bedrohlich monumental. Aber wie ändert sich die Darstellung, wenn sich die Zeiten und die Wissenschaft und Technik und damit die Gesellschaft und das Zusammenleben wandeln, wenn das Leben und die Zivilisation vor neuen Herausforderungen stehen, eine Evolution im Kleinen stattfindet und neue Visionen vom Menschen entstehen? Mittlerweile ist das Geschlecht des Menschen fluid und das Digitale hat der Collage und Montage ganz neue Möglichkeiten eröffnet.
Die Mülheimer Ausstellung greift dazu signifikante Fragen des Zusammenlebens, der Identität und des Verhältnisses des Einzelnen zur Gesellschaft auf und umfasst Werke seit den 1920er-Jahren in den unterschiedlichsten Medien – die Weite des Spektrums und die Internationalität ist ein Konzept dieser Ausstellung. Dazu werden im ersten Saal klassische und halbklassische Positionen jüngeren Künstler:innen gegenübergestellt. Genial interagieren die Bilder von Jonas Burgert und Max Beckmann sowie perspektivisch von Uwe Henneken und Karl Kunz. Zum Glück ist auch Käthe Kollwitz vertreten, die mit ihren realistischen Zeichnungen einen sozialkritischen Blick auf die geschundene, arme Bevölkerung, im Besonderen Mutter und Kind, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirft.
Anna Uddenberg, Focus (Padded Purpose), 2019, Sammlung Scharpff-Striebich, © Künstlerin, Foto: Staatsgalerie StuttgartZu den kuratorischen Strategien gehört neben diesen Dialogen der Einbezug des Ausstellungsraumes, durch den der Betrachterblick regelrecht wandert. Einzelne derzeit gefragte junge Positionen wie Louisa Clement oder Sophia Süßmilch und Rebekka Benzenberg sind mit zwei Werken vertreten. Mit einer stufigen „Insel“ vor der Wand und im Raum wird Ilse Otten entdeckt, die in Mülheim 1929 geboren wurde und hier auch 2010 gestorben ist. Ihre kleinformatigen Morphosen der menschlichen Figur behandeln mit organischen Formen in pastellfarben-lichten Tönen auf spielerische Weise Identität und Sexualität. Im Dachgeschoss wird das vor dem Hintergrund technischen Fortschritts surreal und hyperrealistisch zugleich von Anna Uddenberg (*1982) aufgegriffen. Sehr schön, dass hier, unterm Dach der Alten Post, wieder der durchlässige Pavillon aus Fäden von Erika Hock aufgebaut ist, der mit seinem Rosa und den organischen Formen an all das anschließt und noch Designgeschichte zitiert.
Daneben wachsen Körperfragmente aus der Wand und sind im Raum platziert. Hier wird auch die Wiederentdeckung der Figur in den 1980er-/1990er-Jahren mit ikonischen Werken von Rosemarie Trockel, Pia Stadtbäumer, Thomas Schütte, Thomas Ruff und Katharina Fritsch behandelt, die nun aus einer aktuellen Perspektive neu empfunden werden können. Aber trotz des ernsten Sujets und der Dichte der Ausstellung macht ihr Besuch Spaß. Es gibt nicht nur humorvolle und verblüffende Beiträge und Konstellationen zu sehen, sondern der Vortrag ist in den besten Momenten (und von diesen gibt es viele) luftig, schier blühend und mitten aus dem Leben.
We. Der Körper als Zeichen | bis 7.9. | Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr | 0208 455 41 38
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