Musik ist bei Bochum Total allgegenwertig. Die trailer-wortschatzbühne präsentiert sich auch in diesem Jahr verlässlich und sorgt mit meist wortgewandter Kleinkunst zwischen 1Live- und Sparkassenbühne für einen abwechslungsreichen Gegenpol auf dem zum Kult gewordenen Stadtfestival mitten im Ruhrgebiet. War es letztes Jahr noch schwierig, die ersten Künstler auf der Bühne aufgrund von massiver Sonneneinstrahlung klar und schweißfrei zu beobachten, zeigte sich der Wettergott heute gnädig und bescherte milde Temperaturen ohne Blendgefahr.
Klicken Sie auf eines der Bilder und starten Sie so die Bildergalerie (13 Bilder).
Mit minimaler Verspätung begab sich um 17:45 Uhr der erste Künstler auf die Bühne, um die zahlreich wartenden Zuschauer zu unterhalten. Laut Programm sollten nun 30 Minuten Bochumer Studierende mitgebrachte Texte vortragen. Stattdessen gab sich jedoch ein waschechter Märchenerzähler die Ehre. Sein Name: einfach nur „Bernd“. Seine Ausflüge in fabelhafte Welten voller Intrigen und langer Hakennasen entpuppten sich, passend zur Tageszeit, vor allem als kinderfreundlich. Ein familienfreundlicher Einstieg.
Anschließend galt es den eigenen Grips anzuzapfen. Dr. Aeneas Rooch bot Texte, die den ganz normalen Wahnsinn des Alltags aus einer möglichst logischen, seiner Profession des Mathematikers entsprechenden Sicht, behandelten. Erkenntnisse: als Anti-Musik-Fan erscheint es Rooch ob der festivalisierten Massenveranstaltungen schwer nachvollziehbar, wie Worthülsen à la „exklusiv“ oder „jetzt Plätze sichern“ offensichtlich Einfluss auf unser Konsumverhalten haben können. Gleichzeitig stellte er anhand eigener Erfahrungen eine einfache, die Altersstruktur auf Konzerten betreffende Formel auf. Je älter der Musiker auf der Bühne, desto kostspieliger die passenden Tickets. Auch bei offensichtlich vergänglichen Künstlern wie Joe Cocker greift diese Theorie. Die nächste Anekdote führte den charismatischen Doktor ins exotische Berlin, wo er beim Eiskaufen eine Begegnung mit dem Teufel zu bewerkstelligen versuchte. Dr. Aeneas Rooch, ein Mathematiker, wie man ihn sich damals in der Schule als Pauker gewünscht hätte.
Zum Abschluss enterten „Freie Radikale“ die Bühne. Die Theatergruppe schuf sich in ihrem Stück „OYOYOY“ ihre ganz eigene Stadt. Sich selbst als „Das hybride Theater der Gegenwart“ bezeichnend, bot die Gruppe von Günfer Cölgecen ein Urbanität erzeugendes, theatrales Hörerlebnis rund um die Geräusche und Emotionen einer Großstadt und ließen dabei erahnen, dass das Stück vor allem auch abseits eines Stadtfestivals gut funktionieren dürfte. Die trailer-wortschatzbühne funktioniert hingegen auch im dritten Jahr in Folge ohne Einschränkungen. Auf drei weitere Tage abwechslungsreiches Programm darf man sich freuen.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Parolen und Pop-Prominenz
Bochum Total am zweiten Juli-Wochenende – Festival 07/23
Rock and Creole
trailer-bühne bei Bochum Total 2022 – Festival 08/22
Die große Rückkehr
Bochum Total 2022 – Festival 08/22
Talentschmiede
trailer-bühne am BoTo-Samstag – Festival 07/22
Improvisation und Wortkunst
trailer-bühne am BoTo-Sonntag – Festival 07/22
Entspannter Ausklang
So war der Sonntag bei Bochum Total – Festival 07/22
Fulminantes Revival
So war der Donnerstag bei Bochum Total – Festival 07/22
„Es war die Hölle los!“
So war der Freitag bei Bochum Total – Festival 07/22
„Mit einem Wort: geil“
trailer-bühne am BoTo-Freitag – Festival 07/22
Voll, toll – voll toll
So war der Samstag bei Bochum Total – Festival 07/22
In Dreams – eine Kostprobe
Bochum Total: Pia Lüddecke und Ernest auf der trailer-bühne – Festival 07/22
Bei allem, was schlimm ist
Bochum Total: Bloodsucking Zombies from Outer Space auf der Ringbühne – Festival 07/22
Retro, Modern, Ohrwurm
Bochum Total: The Honeyclub auf der trailer-bühne – Festival 07/22
Laut und links
Bochum Total: ZSK auf der WDR 1Live-Bühne – Festival 07/22
Tape an, Kopf aus
Bochum Total: Captain Disko auf der Sparkassen-Bühne – Festival 07/22
„Kunst kann helfen, auf die Welt zu reagieren“
Intendant Olaf Kröck über die Ruhrfestspiele Recklinghausen 2026 – Premiere 05/26
Abstieg in die Fleischerei
„Faulender Mond“ am Essener Grillo-Theater – Prolog 05/26
„Ich habe mich ausgetobt in verschiedenen Genres“
Komponist Samuel Penderbayne über „Die verzauberte Stadt“ am Aalto-Theater Essen – Interview 05/26
Kein Märchen von übermorgen
„1984 – Dystopie 2.0“ am Düsseldorfer Central 1 – Prolog 04/26
„Figuren wie unter einem Vergrößerungsglas“
Regisseur Jakob Arnold über „Ruf des Lebens“ am Schlosstheater Moers – Premiere 04/26
Zwei Künstler, drei Stücke
„Relations“ am Essener Aalto Ballett – Tanz an der Ruhr 04/26
Die Schwüle der Provinz
„Der Theatermacher“ am Düsseldorfer Schauspielhaus – Prolog 03/26
Suchen, Finden – und Verlieren
Benedict Wells‘ „Vom Ende der Einsamkeit“ am Schauspielhaus Bochum – Bühne 03/26
Kampf, Hoffnung, Überleben
„Burning City“ am Tanzhaus NRW – Tanz an der Ruhr 03/26
„Man muss in den eigenen Abgrund blicken“
Marie Schleef über „The Lottery“ am Essener Grillo Theater – Premiere 03/26