Musik ist bei Bochum Total allgegenwertig. Die trailer-wortschatzbühne präsentiert sich auch in diesem Jahr verlässlich und sorgt mit meist wortgewandter Kleinkunst zwischen 1Live- und Sparkassenbühne für einen abwechslungsreichen Gegenpol auf dem zum Kult gewordenen Stadtfestival mitten im Ruhrgebiet. War es letztes Jahr noch schwierig, die ersten Künstler auf der Bühne aufgrund von massiver Sonneneinstrahlung klar und schweißfrei zu beobachten, zeigte sich der Wettergott heute gnädig und bescherte milde Temperaturen ohne Blendgefahr.
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Mit minimaler Verspätung begab sich um 17:45 Uhr der erste Künstler auf die Bühne, um die zahlreich wartenden Zuschauer zu unterhalten. Laut Programm sollten nun 30 Minuten Bochumer Studierende mitgebrachte Texte vortragen. Stattdessen gab sich jedoch ein waschechter Märchenerzähler die Ehre. Sein Name: einfach nur „Bernd“. Seine Ausflüge in fabelhafte Welten voller Intrigen und langer Hakennasen entpuppten sich, passend zur Tageszeit, vor allem als kinderfreundlich. Ein familienfreundlicher Einstieg.
Anschließend galt es den eigenen Grips anzuzapfen. Dr. Aeneas Rooch bot Texte, die den ganz normalen Wahnsinn des Alltags aus einer möglichst logischen, seiner Profession des Mathematikers entsprechenden Sicht, behandelten. Erkenntnisse: als Anti-Musik-Fan erscheint es Rooch ob der festivalisierten Massenveranstaltungen schwer nachvollziehbar, wie Worthülsen à la „exklusiv“ oder „jetzt Plätze sichern“ offensichtlich Einfluss auf unser Konsumverhalten haben können. Gleichzeitig stellte er anhand eigener Erfahrungen eine einfache, die Altersstruktur auf Konzerten betreffende Formel auf. Je älter der Musiker auf der Bühne, desto kostspieliger die passenden Tickets. Auch bei offensichtlich vergänglichen Künstlern wie Joe Cocker greift diese Theorie. Die nächste Anekdote führte den charismatischen Doktor ins exotische Berlin, wo er beim Eiskaufen eine Begegnung mit dem Teufel zu bewerkstelligen versuchte. Dr. Aeneas Rooch, ein Mathematiker, wie man ihn sich damals in der Schule als Pauker gewünscht hätte.
Zum Abschluss enterten „Freie Radikale“ die Bühne. Die Theatergruppe schuf sich in ihrem Stück „OYOYOY“ ihre ganz eigene Stadt. Sich selbst als „Das hybride Theater der Gegenwart“ bezeichnend, bot die Gruppe von Günfer Cölgecen ein Urbanität erzeugendes, theatrales Hörerlebnis rund um die Geräusche und Emotionen einer Großstadt und ließen dabei erahnen, dass das Stück vor allem auch abseits eines Stadtfestivals gut funktionieren dürfte. Die trailer-wortschatzbühne funktioniert hingegen auch im dritten Jahr in Folge ohne Einschränkungen. Auf drei weitere Tage abwechslungsreiches Programm darf man sich freuen.
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