Es ist Herbst und wenn die Blätter treiben, werden die Einsamen unruhig in den Alleen hin und her wandern. So ein Rainer Maria Rilke hatte es Anfang des 20. Jahrhunderts auch nicht leicht, und er hatte eindeutig weniger Möglichkeiten. An Rhein und Ruhr ist Abwechslung Programm, Zerstreuung der Motor, Ungewöhnliches auffindbar. Zwei Beispiele für die usselige Jahreszeit:
Der Fonds Experimentelles Musiktheater [feXm] bietet seit über zehn Jahren TheatermacherInnen an, die Zusammenarbeit mit Schauspiel- und Opernhäusern in NRW zu suchen und experimentelle Musiktheaterprojekte zu realisieren, die dann gefördert werden. In Kooperation mit dem Schlosstheater Moers wählte eine Fachjury in diesem Jahr das Multimedia-Projekt „The Suitcase“ des französischen Komponisten François Sarhan aus. Mixed-Media trifft die Bezeichnung vielleicht eher. Innerhalb von fünf Arbeitsphasen wird die experimentelle Theaterperformance gemeinsam in Moers produziert. „Verloren in Moers“ ist eine Detektivkomödie, deren Handlung in der Stadt angesiedelt ist, soll aber auch ein surrealistisches Vexierspiel um Obsession, Realitätsverlust und Metamorphose werden. Die ausgezeichneten Schauspieler am Theater Moers bekommen dafür Unterstützung von einem Musiker-Ensemble aus der zeitgenössischen Musik. Filmische Elemente, Installation und Performance – das fünfteilige Gesamtkunstwerk von Oktober bis Juni 2018 ist ein Mixbecher der Genres.
Das könnte man ebenso über die urbane Tanzszene der Metropolregion sagen. Auch in diesem Jahr treffen beim Pottporus Festival 2017 wieder herausragende ChoreografInnen, TänzerInnen und Street Artists mit verschiedenen anderen ästhetischen Perspektiven zusammen. Den Auftakt macht Anfang November ausgerechnet Igor Strawinskys „Frühlingsopfer“. In Form des ungewöhnlichen Solos „Robozee vs. Sacre“ in den Flottmann-Hallen Herne. Der Tänzer & Choreograf Christian „Robozee“ Zacharas erzählt diese eher heidnische Geschichte. Er war selbst lange Jahre Tänzer der Renegade-Kompagnie und hat sich bereits intensiv mit Strawinskys Ballettmusik auseinandergesetzt. Und sofort geht es mit zwei Uraufführungen weiter. Auffallend dabei, dass trotz des Anspruchs weder Hip-Hop- noch klassisches Tanzfestival zu sein, viele der Inhalte der performativen Produktionen auf klassischen Vorlagen beruhen. „In Wahrheit bin ich ein Pferd (Proxima Centauri)“, das ist der ungewöhnliche Titel des Tanzstücks der Tänzerin, Choreografin und Filmemacherin Nathalie Larquet. Hier liefern Ovids „Metamorphosen“ die Basis für die neue Produktion. Ein fünfköpfiges Ensemble performt es auf die berühmte alternative Tanz-Bühne in Bochum. Danach geht es zurück nach Herne. In den Flottmann-Hallen wütet bereits Robert Louis Stevensons literarisch gespaltene Persönlichkeit. Dr. Jekyll und Mr. Hyde, die Protagonisten der berühmten Novelle von 1886, kämpfen wieder einmal den aussichtslosen Kampf gegen das übermächtige Über-Ich. Das künstlerische Projekt von Rauf Yasit aka RubberLegz (professioneller Breakdancer und Mitglied der Flying Steps) sowie dem kanadischen Tänzer und Choreograf James Gregg wird dies eindrucksvoll und zeitgenössisch zeigen.
„The Suitcase #1: Prolog“ | Fr 6.(P), Sa 7.10. 19.30 Uhr | Schlosstheater Moers (Studio) | www.schlosstheater-moers.de
Pottporus Festival 2017 | 9.-12.11. | Bochum und Herne | www.pottporus.de
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