In einer Welt, in der man nur noch lebt, damit man täglich saugroboten geht, sind Träume außerhalb des Räderwerks untersagt. Selbst die kleinen Tode jeden Tag befassen sich in Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ mit Aufstieg, Besitz und Wertschätzung. Willy Lomann will keine Dreigroschenexistenz sein – klar.Doch leider sind auf dem Stern eben die Mittel kärglich und die Menschen roh. Es gibt keinenPlatz für betreutes Arbeiten und so endet auch in Oberhausen das Stück über den amerikanischen Traum für den gescheiterten Verkäufer im Leichenschauhaus.
Und wo könnte Regisseurin Babette Grube am Theater das verzweifelte Ringen um Wahrheit, Anerkennung und Respekt besser verorten als in einem fiktiven Warenhaus (großartige Bühne: Demian Wohler), wo Willy Lomann (perfekt: Torsten Bauer) untauglich im Internet-Zeitalter versucht hochwertige Elektroartikel an Käuferreste zu verscherbeln. Latte macchiato einbegriffen. Surreale 25 Stunden hat das „Kaufhaus“, einst Fanal des deutschen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems, geöffnet um überhaupt noch Umsatz zu generieren. Vier Kilometer und neun Minuten Fahrzeit weiter versucht man dies in der Oberhausener Peripherie mit drittklassiger Dauerbespaßung, was zwar am Wochenende die europäischen Nachbarn anlockt, die einst stolze Stadt aber verwittern lässt.
Grubes Lomann-Familie ist in ihrer Inszenierung gleich in der Elektroabteilung heimisch geworden, ein Kühlschrank, eine Wasch- und Spülmaschine wurden vom System anarchisch okkupiert. „Ich bin unersetzlich“ – von dem Selbstverständnis rückt der einstige Starverkäufer Willy nicht ab, auch nicht, wenn das Gehalt – sorry, nur noch die Provision – fürs Leben nicht mehr reicht. Hier finden auch die Grabenkriege mit den Söhnen statt, wobei Happy (Mervan Ürkmez), der Assistent eigentlich kaum stattfindet, zu ähnlich ist er dem Vater, zu gleich seine Visionen. Nur Biff (Daniel Rothaug) ist aus der endlosen Hochstapelei ausgebrochen, nachdem er seinen Vater einst beim Seitensprung ertappt hat und seitdem dessen Lebenslügen nicht mehr mittragen kann. Er schmiss die Schule, er klaut, saß im Gefängnis und weiß einfach nicht, was seine Zukunft ist. Nie haben er und Willy darüber gesprochen, dessen Leben in endloser Erwartung ist, Biff könnte mal ein Großer werden – eine Dauerschleife der unausgesprochenen Wahrheiten, die wohl auch durch Mutter Lomann (berührend: Anna Polke) befördert wird. Dass das alles in einer Elektroabteilung des Cosmos-Marktes spielt, hat man dank der geschickten Dramaturgie und der kleinen Anpassungen schnell vergessen. Breaks durch ein witziges Zyklopen-Maskottchen (Design: Denise Castermans) und den authentischen Werbesong (Martin Engelbach), der alles „im Cosmos“ galaktisch günstig bewirbt, lockern die Düsternis. Das zentrale Schauspiel-Trio „Vater-Mutter-Sohn“ macht seine Sache hervorragend, insbesondere in den melancholischen Szenen – nur Günter Alt bleibt in der Rolle echt unterfordert.
Am Ende prallen Erwartung und Realität aufeinander, die Wahrheit als brachiale Eruption. Ruhe kehrt ein. Willy pflanzt Setzlinge und will die 50.000 von der Lebensversicherung, während Yusuf Islam „But never, never, never, never – I‘ll never make the same mistake“ säuselt. Von wegen. Die gescheiterte Existenz nimmt Tabletten, nicht das Auto, seine schuldenfreie Frau wundert sich. Willy ist tot, das Schweinesystem lebt: Die Traveling Wilburys (It‘s all right) haben nicht recht!
„Tod eines Handlungsreisenden“ | R: Babette Grube | 3., 4., 8., 17., 29.5. je 19.30 Uhr | Theater Oberhausen | 0208 857 81 84
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